Ruinöse Knappheit – Andreas Bangemann

Knapp­heit ist per Defi­ni­tion eine Vor­aus­set­zung des Wirt­schaf­tens. Ratio­na­li­tät bzw. Effi­zi­enz auch. Das besa­gen zumin­dest die ein­schlä­gi­gen Lexika und Enzy­klo­pä­dien.

Ange­sichts einer mehr als 40 Jahre geführ­ten Dis­kus­sion über die Gren­zen des Wachs­tums wird der Knapp­heits­ge­danke vor allem in Bezug auf die natür­li­chen Res­sour­cen immer bedeut­sa­mer. Obwohl Exper­ten und jeder ein­zelne Men­sch es bes­ser wis­sen, bzw. „füh­len“ ver­brau­chen wir in Win­des­eile, was die Natur in Jahr­mil­lio­nen erzeugte. Nach­hal­tig­keit gibt es als Bezeich­nung. Ein Gedan­ken­kon­strukt, das wir bis heute nicht befol­gen, weil wir mit der Art und Weise wirt­schaft­li­cher „Bedürf­nis­be­frie­di­gung“ dem »Raum­schiff Erde« die Schätze viel rascher ent­rei­ßen, als diese sie „pro­du­zie­ren“ kann. Baute Noah seine Arche vor der Sint­flut, han­deln wir gemäß dem „Nach-mir-die-Sintflut-Prinzip“.

Warum ist das so? Aus wel­chem Grund neh­men wir uns nicht als Teil eines in zer­brech­li­cher Balance befind­li­chen umfäng­li­chen Gan­zen wahr?

Ratio­nal und effi­zi­ent ist es, mit geringst­mög­li­chem Auf­wand größt­mög­li­chen Ertrag zu erwirt­schaf­ten. So ange­mes­sen die­ser Gedanke in Bezug auf die Nut­zung natür­li­cher Res­sour­cen ist, so gefähr­lich wird er, wenn „künst­li­che“ Knapp­heit ins Spiel kommt.

Grund und Boden in Pri­vat­ei­gen­tum mag von Vor­teil sein, falls der Eigen­tü­mer auch der ver­ant­wort­li­che Nut­zer ist. Was aber, wenn Eigen­tü­mer nicht die Nut­zung, son­dern die Erzie­lung von Knapp­heits­ge­win­nen inter­es­siert? Kann Knapp­heit künst­lich erzeugt und zur dau­er­haft spru­deln­den Ein­nah­me­quelle eini­ger Weni­ger wird?

Knapp­heit
per Rechts­do­ku­ment

Dazu braucht es Vor­aus­set­zun­gen, die nur Gesetze schaf­fen kön­nen. Rechts­do­ku­mente, die dem Eigen­tü­mer die Frei­heit geben, die mit dem Doku­ment ver­bun­dene Sache knapp­zu­hal­ten. In demo­kra­ti­schen Staa­ten legen die poli­ti­schen Ver­tre­ter im Namen ihrer Bür­ger Ver­knap­pungs­po­ten­tiale in die Hände Ein­zel­ner. Das Geld selbst ist ein der­ar­ti­ges Rechts­do­ku­ment. Das „gesetz­li­che Zah­lungs­mit­tel“ wird ledig­lich zu 10 % für Trans­ak­ti­ons­zwe­cke genutzt, weist die Deut­sche Bun­des­bank regel­mä­ßig in ihren Sta­tis­ti­ken nach. Zu 90 % wer­den die von der EZB aus­ge­ge­be­nen Bank­no­ten gehor­tet, bzw. sind mit unbe­kann­ter Ver­wen­dung unter­wegs. Geld als Grund­lage allen wirt­schaft­li­chen Aus­tauschs ist also keine öffent­li­che Ein­rich­tung, des­sen Nut­zung auf das gesell­schaft­li­che Wohl abge­stimmt wird. Sie wird in das Belie­ben der Ein­zel­nen gestellt. Das hat im Laufe der Zeit fatale Fol­gen. Denn mit Geld, bes­ser gesagt „über­schüs­si­gem“ Geld kann man wei­tere Rechts­do­ku­mente erwer­ben, die das Poten­tial von Knapp­heits­ge­win­nen ber­gen. Grund und Boden, Patente, Urhe­ber­rechte, Schürf­rechte und vie­les mehr. Das Haupt­mo­tiv hin­ter der­lei Wirt­schaf­ten ist nur ober­fläch­lich die Fol­gen­kette „Geld-Ware-Geld“. Wäre das so, dann wäre Geld rei­nes Tausch­mit­tel, das der Bedürf­nis­be­frie­dung dient. Das Wirt­schafts­klima ins­ge­samt wird jedoch von einer ande­ren Wirk­kette beherrscht: „Geld-Ware-Mehr Geld“. Die Lehr­bü­cher nen­nen das »Inves­tie­ren«. »Spe­ku­lie­ren« trifft es aber bes­ser, wenn man bedenkt, dass dahin­ter ein­zig das Motiv steht, aus Geld mehr Geld zu machen. Wenn die »Ware« dabei dann lebens­not­wen­dige Güter, wie bei­spiels­weise Grund und Boden ist, führt das zu einem ver­hee­ren­den Ergeb­nis: Am Ende haben Wenige alles und wer­den von allen über Preise und Steu­ern »sub­ven­tio­niert«.

Gemein­schafts­zer­set­zen­des Klima 

Wir leben in einem Wirt­schafts­sys­tem, das keine echte Fülle kennt, weil es im Über­fluss zer­stö­re­ri­scher Kon­sum­gü­ter die urtüm­li­che Essenz des Lebens ver­dun­kelt. Das zwangs­läu­fige Stre­ben nach den künst­lich ver­knapp­ten Gütern hat eine Wolke über das mensch­li­che Zusam­men­le­ben geführt. Unter ihr ent­fal­tete sich ein Klima, das Eigen­schaf­ten her­vor­bringt, die auf Dauer gemein­schafts­zer­set­zend wir­ken. Hab­gier und Geiz bestim­men die Wirt­schaft aus­ge­präg­ter als Empa­thie und Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft. Dass dem so ist, kann man leicht Ein­zel­nen vor­wer­fen, blen­det dabei aber aus, wie stark die äuße­ren Ein­flüsse zu bestimm­tem Han­deln zwin­gen. Eine Unter­su­chung, inwie­weit künst­li­che, von Men­schen gemachte Fak­to­ren das »Klima« beein­flus­sen, wäre nicht nur im Hin­blick auf die Öko­lo­gie ange­bracht, son­dern weit mehr noch in Bezug auf die öko­no­mi­schen Rah­men­be­din­gun­gen.

Für ein ande­res Zukunfts­bild des Wirt­schaf­tens brau­chen wir eine völ­lige Neu­or­ga­ni­sa­tion von über Rechts­do­ku­mente gere­gel­ter Knapp­heit. Spe­ku­la­ti­ven Knapp­heits­ge­win­nen muss im wahrs­ten Sinne der Boden ent­zo­gen wer­den. Ein Recht im Zusam­men­hang mit lebens­not­wen­di­gen Res­sour­cen sollte idea­ler­weise immer nur die gesell­schaft­lich opti­male Nut­zung regeln, nicht aber ein­zig dem leis­tungs­lo­sen Gewinn­in­ter­esse Ein­zel­ner die­nen. Spe­ku­la­ti­ons­ge­winne kön­nen ent­we­der über Steu­ern und Gebüh­ren abge­schöpft wer­den oder man lässt sie erst gar nicht ent­ste­hen.

Wie das orga­ni­siert wer­den kann, dar­über soll­ten wir in einen frucht­ba­ren Aus­tau­sch ein­stei­gen.

PDF-Datei: HW_2016_01_S08-08.pdf her­un­ter­la­den (207KB)

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