HUMANE WIRTSCHAFT ...mehr als eine Zeitschrift

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Eine Dosis Neuigkeiten

Der “Newsletter” der HUMANEN WIRTSCHAFT heißt schlicht “ZEITUNG”

In dieser Form informieren wir in unregelmäßigen Abständen (ein bis zwei mal monatlich) über Aktuelles und Hintergründe.

Ein Archiv über bereits erschienene Ausgaben ist angelegt und abonnieren ist aus ganz einfach. Emailadresse genügt.

Keine Sorge, wir wollen der Informationsflut, der wir alle täglich zunehmend ausgesetzt sind, keine weitere Welle hinzufügen, sondern eher für einen ruhigen Ausgleich sorgen und Sie mit klarem Profil auf Dinge aufmerksam machen, deren Auffinden entweder nur schwer oder gar nicht möglich ist.

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Die Stiftung FuturoVerde – Horst Hamm

Eine neue Stiftung will die Wirtschaft wieder gemeinnützig machen und dazu beitragen, dass Unternehmen Gewinne nicht länger auf Kosten der Natur, anderer Regionen und zukünftiger Generationen erwirtschaften müssen. In einem Leuchtturm-Projekt der Querdenker GmbH in Costa Rica will FuturoVerde, zu Deutsch „grüne Zukunft“, in Kooperation mit insgesamt zehn beteiligten Firmen vormachen, wie das geht.

Schon die Vorgeschichte ist ungewöhnlich: Bereits vor sieben Jahren haben die Querdenker GmbH und BaumInvest mit Hilfe deutscher Investoren damit begonnen, im Norden Costa Ricas ehemalige Weideflächen nach ökologischen Grundsätzen wieder aufzuforsten. Im Gegensatz zu den meisten Wiederaufforstungsprojekten ging es von vorn herein nicht darum, den größtmöglichen Gewinn zu erwirtschaften, sondern um das Ziel, ökologische, soziale und ökonomische Renditen miteinander zu vereinbaren und unter einen Hut zu bringen.

Nach dem ersten BaumInvest-Fonds wurden der zweite und danach der dritte aufgelegt. Mit dem Ergebnis, dass inzwischen auf rund 2000 Hektar ca. eine Million Bäume gepflanzt worden sind. Doch noch mehr als diese beeindruckende Zahl erstaunt die Entwicklung, die auf diesen Flächen stattgefunden hat. Denn BaumInvest ist alles andere – nur kein gewöhnliches Aufforstungsprojekt. Die besondere Entwicklung lässt sich beispielsweise auf San Rafael nachvollziehen, der ersten Finca, die für das Projekt gekauft worden ist: Dort wurden ursprünglich kleine Parzellen in Monokultur gepflanzt: 100 auf 100 Meter Teak, daneben die gleiche Fläche mit Roble Coral. Dann wieder Teak im Wechsel mit Almendro, in Costa Rica der Baum des Lebens. „Diese Inselbewirtschaftung haben wir bereits im zweiten Jahr über den Haufen geworfen“, sagt Stefan Pröstler, der Geschäftsführer der für die Aufforstungen verantwortlichen Firma „Puro Verde“, „wir wollten unserem Ziel näher kommen, einen artenreichen Mischwald zu pflanzen.“

Waldfeldbau zwischen den Bäumen

Inzwischen arbeiten die Forstarbeiter mit 30 heimischen Baumarten und pflanzen die jungen Baumsprösslinge so, dass eine größtmögliche Mischung mit Bäumen entsteht, die unterschiedlich schnell wachsen und damit bei der ersten Durchforstung bereits gute Erträge bringen. Doch das ist längst nicht alles. Denn zwischen den Bäumen werden teilweise Ananas, Maniok, Tomaten, Paprika, Tiquisque und vor allem Ingwer kultiviert – im sogenannten Waldfeldbau. Mit den Erträgen, die dieser abwirft, wird für die Menschen vor Ort ein Mehrwert geschaffen, der weit über die Aufforstung hinausgeht.
Die meisten Früchte werden für den Eigenbedarf auf den Fincas und für lokale Märkte angebaut. Seit zwei Jahren gibt es aber auch ein Produkt, das für den Export nach Deutschland bestimmt ist: Ingwer. Unter dem Namen GingerVerde wird die würzige Knolle als Saft-Konzentrat verkauft, das als Botschaftergetränk für das Projekt steht (http://www.gingerverde.de).

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Smarte neue Welt – Notizen zu Überwachung und Kunst – Marcus Klug

Der folgende Beitrag ist an einzelne Gedanken
von Michel Foucault zur „Ökonomie
der Sichtbarkeit“ angelehnt. Im
heutigen digitalen Informationszeitalter
erlebt diese Art von Ökonomie eine
neue Stufe der Perfektion. Man muss
nur die Sichtbarkeit durch die Transparenz
austauschen und die mechanischen
Gesetze der Macht durch die Ordnung
der smarten neuen Welt. Ich folge
diesen Spuren in meinen Notizen – angelehnt
an die Ausstellung „Smart New
World”, die noch bis zum 10. August
2014 in Düsseldorf zu sehen ist.
Was heißt es ein Individuum
in der heutigen digitalen Informationsgesellschaft
zu sein?
Überall hinterlassen wir unsere Spuren,
sobald wir den digitalen Raum betreten.
Diese Spuren lassen sich nicht mehr einfach
so löschen und überschreiben; auch
fehlt uns immer mehr die Kontrolle über
diese Daten. Spätestens mit dem NSAAbhörskandal
und der Angelegenheit mit
Edward Snowden wurde uns wahrscheinlich
schlagartig klar, wie eng die heutige
Informationsgesellschaft tatsächlich mit
der Überwachungsgesellschaft verbunden
ist. Und was noch viel unheimlicher
an dieser Verbindung ist, ist die Tatsache,
dass wir nicht mehr so recht wissen
können, wer eigentlich über unsere Daten
wacht und welche Dinge mit diesen
Daten angestellt werden.
Es kommt so weit, dass man nichts Verbotenes
getan haben muss; es reicht,
dass man jemandem irgendwann verdächtig
vorkommt, selbst wenn es sich
dabei um einen Irrtum handelt; Paranoia
greift um sich. Das hat beinahe
schon eine virtuelle Qualität, die man
sich als Künstler zu Eigen machen kann.
Es handelt sich also zunächst um eine
Bedrohung, die zwar physisch nicht vorhanden
ist, aber dennoch eine beträchtliche
Wirkung ausübt.
Bei der Ausstellung „Smart New World”,
die noch bis zum 10. August 2014 in
der Kunsthalle in Düsseldorf zu sehen
ist, gibt es einige bemerkenswerte Beispiele
für diese Art von Bedrohung, die
Künstler in ihren Werken auf ihre je spezifische
Weise reflektieren und weiter
verarbeiten oder die gar selber plötzlich
als verdächtig eingestuft werden.
So gibt es beispielsweise von der USamerikanischen
Dokumentarfilmerin
Laura Poitras einen Dokumentarfilm
mit dem Titel „My Country, My Country“
von 2006, in dem die amerikanische Besetzung
Iraks aus der Sicht eines irakischen
Arztes geschildert wird. Seit der
Veröffentlichung dieses Filmes ist Poitras
vom Department of Homeland Security
als terrorverdächtig eingestuft
worden. Für die Ausstellung „Smart New
World“ hat Poitras einen Kurzfilm beigesteuert,
der Aufnahmen des amerikanischen
NSA Überwachungsgebäudes in
Bluffdale, Utah zeigt.
Aber auch andere Künstler in der Ausstellung
„Smart New World“ wie u. a.
Christoph Faulhaber beschäftigen sich
mit der Frage, wie moderne Machtund
Disziplinartechniken über Bildanordnungen
in ihren kulturellen und
politischen Implikationen sichtbar gemacht
werden können. Bei meinen Erkundungen
und der vorherigen erneuten
Lektüre des Werkes „Überwachen
und Strafen“ von Michel Foucault interessierte
mich vor allem die Frage, wie
die eigentlich verborgenen Mechanismen
und Funktionsweisen von Macht,
die Arten und Formen, über die sich
die Macht jeweils artikuliert, sichtbar
gemacht werden können. Ist das überhaupt
möglich – die Macht über die
Bilder für Momente zu enthüllen? Und
wenn ja, wie sehen die Bilder dazu aus
bzw. die Techniken und Strategien, die
zu diesem Zweck von
Künstlern eingesetzt
werden?
Entscheidend ist ja gerade
bei den Beobachtungen
von dem französischen
Philosophen
Michel Foucault zu der
Beziehung von Überwachen
und Strafen, dass
sich die Kontroll- und
Disziplinartechniken im
Übergang zum 18. Jahrhundert
grundlegend
verändert haben. Foucault
spricht in diesem Zusammenhang von der „Ökonomie
der Sichtbarkeit“. Wie können wir uns
eine solche Ökonomie heutzutage vorstellen?
Ein Versuch:
„Ökonomie der Sichtbarkeit“ bedeutet
heute, dass diejenigen, die
bestraft werden, im öffentlichen
Raum mit Sanktionen zu rechnen
haben, die anderen als Warnung
dienen. Aber so wie dieser Raum
für alle Menschen offen steht und
so wie prinzipiell alle an der Demonstration
der Macht über die
Sichtbarkeit beteiligt sind, so
können prinzipiell auch alle Personen
in diesem Raum gleichsam
ins Visier dieser Macht fallen.
Das ist die eigentliche moderne Bedrohung
dabei.
Der Begriff der Sichtbarkeit, so wie ihn
Foucault in „Überwachen und Strafen“
verwendet, muss heute nur durch den
der Transparenz ersetzt werden und
das Gefängnis oder vielmehr der Ort
der Bestrafung hat sich eben auf jene
Zonen erweitert, die nicht mehr unbedingt
als ein solcher Ort der Bestrafung
gekennzeichnet werden müssen. Und
wenn wir den realen Raum gar durch
den Raum der Daten ersetzen, dann
zerfließen die Grenzen noch weiter; die
prinzipielle Möglichkeit zur Sanktion
im Raum fällt dann nämlich mit jenen
Netzen in den Datenräumen zusammen,
in denen die Überwachung und
mögliche Bestrafung mit anderen Mitteln
fortgesetzt werden können.
Für Künstler ist das Prinzip der Umkehrung
in der Bloßstellung der Macht
von wesentlicher Bedeutung. Für gewöhnlich
gilt heutzutage zunächst folgender
Satz: Je sichtbarer die Verhältnisse,
desto unsichtbarer die Macht.
Künstler wie Christoph Faulhaber
kehren dieses Prinzip um, in dem Sie
die Macht über die Zone des Verbots
wieder zurück an die Bildoberfläche
befördern (bzw. diesen Versuch unternehmen),
wenn man dabei die politische
und gesellschaftliche Tragweite
von Bildern berücksichtigt. Sein Film
„Jedes Bild ist ein leeres Bild“ ist Teil
der Ausstellung „Smart New World“.
Es ist eine scharfsinnige, zum Teil auch
ironisch zugespitzte Verdichtung von
realen und virtuellen Momenten, die
in dem Filmbeitrag von Faulhaber zu
beobachten ist. Real da, wo einzelne
künstlerische Interventionen von Faulhaber
im öffentlichen Raum zu sehen
sind, virtuell dagegen an jenen Stellen,
wo sein Avatar Nico Bellic als sein Alter
Ego firmiert, erstellt mit dem Editor
des weltweit vertriebenen Videospiels
„Grand Theft Auto“. Faulhaber beschäftigt
sich in seinem Film u. a. mit der Frage,
wie durch Provokation und Intervention
im öffentlichen Raum einzelne
Praktiken der Macht sichtbar gemacht
werden können, die ansonsten verborgen
geblieben wären. So hat Faulhaber
beispielsweise einen fiktiven Sicherheitsdienst
gegründet und sich als solcher
vor Gebäuden postiert, die an sich
nicht fotografiert werden dürfen – obwohl
sich diese Gebäude mitten im öffentlichen
Raum befinden. „Ich bin hier
um die Sicherheit des öffentlichen Raumes
zu überwachen“, sagt Faulhaber
etwa in einer bemerkenswerten Szene
seines Filmes „Jedes Bild ist ein leeres
Bild“, bevor er von der Polizei zurechtgewiesen
wird (siehe dazu auch das
Bild unten Seite 16).
In den folgenden Passagen geht es
zunächst um einzelne Gedanken von
Foucault zur Beziehung von Transparenz
und Macht, bevor ich auf die Ausstellung
„Smart New World“ zurückkomme
und u. a. noch weiter auf den
Film von Faulhaber eingehen werde.

Helmut Creutz 2013 0

Was ist los mit unserem Geld – Helmut Creutz

Was ist los mit unserem Geld, dem neutralen Vermittler, Zahlungs- und Schmiermittel in der Wirtschaft? –
Auch wenn es inzwischen verschiedene
Theorien gibt, dürfte Geld aus dem
Bedürfnis entstanden sein, Leistungen
gegeneinander zu tauschen. Während
die anfangs dazu benutzten Zwischentauschmittel
– ob Teeziegel, Salzbarren,
Getreide oder Kakaobohnen –
selbst noch nutzbare Güter waren, die
der Alterung oder dem Verschleiß unterlagen,
schien mit den Münzen aus
Edelmetall das ideale Material für diesen
Zweck gefunden zu sein. Aber gerade
diesem dauerhaften Münzgeld haftete
von Anfang an eine Eigenschaft an,
die zu seiner eigentlichen Funktion im
Widerspruch stand, nämlich die Versuchung
und die Möglichkeit, es zu verschatzen!
Diese Eigenschaft, die man
als Vorteil bei der Geldhaltung auch
heute noch empfindet, wurde jedoch zu
einem Problem bei seiner Tauschmittelfunktion.
Denn im gleichen Umfang,
wie man das Geld für die Wertaufbewahrung
nutzte, fehlte es als Zahlungsmittel
im Wirtschafts-Kreislauf –
mit der Folge einer Wertsteigerung, die
man bei seiner leihweisen Freigabe in
positive Zinsen umsetzen konnte.
Welche Bedeutung hat ein
ungestörter Umlauf des Geldes?
Stellen Sie sich vor, Sie würden mit einem
Gegenstand den sie verkaufen
möchten, auf einen Flohmarkt gehen
und dort auf acht andere Anbieter treffen,
die ebenfalls das Gleiche wollen.
Nehmen wir weiter an, alle Gegenstände
hätten zufällig den gleichen Wert,
z. B. von zehn Euro, und alle Beteiligten
wären nicht nur bereit, ihr Mitgebrachtes
für diesen Preis abzugeben, sondern
auch in gleicher Höhe in der Runde
einen Kauf zu tätigen.
Und nehmen wir noch weiter an, alle
neun Beteiligten hätten zufällig ihre
Brieftasche vergessen, so dass niemand
zu einer normalen Nachfrage
in der Lage wäre. Käme jetzt noch ein
weiterer Anbieter und Kaufbereiter mit
einem Zehn-Euro-Schein hinzu und
würde einen der angebotenen Gegenstände
erwerben, dann könnte der
Verkäufer seinen eigenen Kaufwunsch
bei einem zweiten Anbieter realisieren,
dieser bei einem dritten usw., bis alle
Beteiligten ihre Gegenstände verkauft
hätten und der Schein, beim letzten
Kaufvorgang, wieder bei jenem Zehnten
angekommen wäre, der den Vorgang
möglich gemacht hatte.
Alle Kauf- und Verkaufswünsche in der
Runde konnten also mit Hilfe dieses einen
Geldscheins abgewickelt werden!
Dabei ist es völlig gleichgültig, ob der
hinzugekommene Zehnte den Schein
durch Leistungen verdient, als Geschenk
erhalten oder zufällig gefunden
hat. Selbst wenn es sich bei seinem
Geldschein um eine Fälschung gehandelt
hätte, wären die abgewickelten
Geschäfte gültig gewesen. Denn niemand
wurde geschädigt und der falsche
Schein wäre letztlich wieder in
den Händen des Erstbesitzers gelangt,
gleichgültig ob er selbst oder ein unbekannter
Dritter der Fälscher war. –
Dieses Beispiel zeigt nicht nur die Bedeutung,
die das Geld bei Abläufen
oder Belebungen der Wirtschaftstätigkeiten
hat, sondern auch die Wichtigkeit
seiner regelmäßigen Weitergabe.
Denn wenn wir jetzt einmal annehmen,
einer in der Runde hätte – nach dem
Verkauf seines angebotenen Gegenstandes
– selbst kein Kaufinteresse
mehr gehabt, den Schein eingesteckt
und den Heimweg angetreten, dann
müssten die restlichen Anbieter unverrichteter
Dinge nach Hause gehen.
Aus dieser Geschichte wird jedoch nicht
nur der Vorteil des Geldes als Tauschvermittler
deutlich, sondern auch die
Folgen für den Wirtschaftskreislauf,
wenn das Zahlungsmittel Geld zum
Wertaufbewahrungsmittel wird. Denn
zur Wiederbelebung der unterbrochenen
Kaufvorgänge wäre es in dem Beispiel
nur gekommen, wenn sich einer
der Kaufwilligen bei dem Geld-Festhalter
den Geldschein ausgeliehen hätte.
Zu diesem Ausleihen wäre der Geldhalter
wahrscheinlich aber nur bei einem
Aufgeld bereit gewesen. Also jenem
Aufgeld, Zins genannt, das wir als Sparer
von der Bank für unsere Geldfreigabe
erhalten. Das heißt, der unterbrochene
Geldkreislauf wäre also nur über
eine mit Zins belastete Kreditaufnahme
wieder in Gang gekommen, womit
der Verleiher, aus dieser von ihm selbst
verursachten Störung des Marktgeschehens,
auch noch einen Nutzen ziehen
könnte!
Welche Geldfunktionen
sind wirklich wichtig?
Nach allgemeiner Auffassung werden
drei Geldfunktionen als gleichwertig
nebeneinander gestellt:
• Die Funktion als allgemein anerkanntes
Zahlungsmittel
• Die Funktion als Rechenmittel und
Wertmaßstab
• Die Funktion als Wertaufbewahrungsmittel
Wie das Flohmarkt-Beispiel zeigt, sind
die beiden erstgenannten Eigenschaften
problemlos miteinander zu verbinden.
Sie fallen gewissermaßen sogar
zusammen, denn bei jeder Zahlung findet
gleichzeitig eine Wertbemessung
der gehandelten Güter statt, die wiederum
aus Vergleichen mit anderen Gütern
resultiert. Die dritte Eigenschaft
des Geldes, die Wertaufbewahrungsfunktion,
setzt dagegen die beiden anderen
Funktionen außer Kraft. Mit ihr
entsteht nicht nur eine Unterbrechung
des Kreislaufs, vielmehr kommt es zusätzlich
auch noch zu einer Werteverschiebung,
weil die Menge des im Umlauf
bleibenden Geldes nun in einem
anderen Verhältnis zur Menge der angebotenen
Güter steht: Das verbleibende
knapper gewordene Geld wird gewissermaßen
wertvoller und die gleich
gebliebene Ware relativ teurer.

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Piketty – Alter Wein in neuen Schläuchen? – Zitate aus Beiträgen von Günther Moewes

Die kapitalistische Welt ist tatsächlich so ungerecht, wie viele immer vermutet haben.
Das ist die Erkenntnis aus dem „Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty –

1. Privatvermögen überholen das Sozialprodukt –

„Das viel beschworene ‚exponentielle Wirtschaftswachstum‘ gibt es überhaupt nicht, …zumindest nicht in Deutschland
und den Industrieländern. Das reale, d. h. inflationsbereinigte Bruttoinlandprodukt (kurz BIP) ist hier seit 1945 noch nie
exponentiell gewachsen, sondern stets nur streng linear, vermutlich schon seit 1914. Sein Anstieg war im ‚gleitenden
Durchschnitt‘ stets eine fast exakte Gerade.“ (Humanwirtschaft 01/2008, S. 15)
„Eine Größe steigt seit 1950 im Gegensatz zum Sozialprodukt beharrlich exponentiell an, sowohl nominal als auch real
– das sind die privaten Geldvermögen. Sie sind in Deutschland jedes Jahr um durchschnittlich 7,47 % angestiegen. Zieht
man davon eine Inflationsrate von durchschnittlich 2% ab, so erhält man einen realen Anstieg von durchschnittlich 5,5 %
pro Jahr…Dieser Anstieg war stets von äußerster Präzision und Beharrlichkeit…Kein Vietnamkrieg, keine Ölkrise, keine
Konjunkturflaute hat diesen Anstieg je nennenswert beeinflussen können“ (Humanwirtschaft 01/2008, S. 17)
„In den Wirtschaftswunderjahren bis 1975 steigt das BIP noch stärker an als die privaten Geldvermögen. Die Welt ist noch
in Ordnung. Es ist die Zeit der Grundigs, Boschs und Borgwards. Ihr Reichtum hält sich gegenüber den Arbeitslöhnen
noch in Grenzen und steht noch in einem halbwegs angemessenen Verhältnis zur gesellschaftsdienlichen Leistung. Ab
1975 steigen die privaten Geldvermögen zum ersten Mal stärker an als das BIP… Mitte 1993 überholen die privaten Geldvermögen
zum ersten Mal das BIP. Die Armuts- /Reichtumsschere beginnt sich zu öffnen. Zuerst langsam und dann immer
schneller. Während das BIP beharrlich im gewohnten Trott linear weiter steigt…Und keine Regierung unternimmt etwas
dagegen“ (Humanwirtschaft 01/2008, S. 17)
„Noch nie in der Geschichte waren Reichtum und Wohlstand in Deutschland so groß wie heute. Seit 1971 haben sich sein jährliches
Bruttoinlandprodukt mehr als verdoppelt, sein jährlicher Exportüberschuss mehr als verfünfzehnfacht, seine privaten
Geldvermögen mehr als verdreizehnfacht… Ebenfalls seit 1971 haben sich auch in Deutschland die Armut mehr als verdoppelt,
die Arbeitslosigkeit mehr als verdreifacht, die Staatsschulden mehr als vervierzehnfacht…Anders als das Sozialprodukt…steigen
die privaten Geldvermögen seit 1950 nicht linear sondern exponentiell an…Die Schere zwischen diesem exponentiellen Anstieg
und dem nur linearen Anstieg des Sozialprodukts ergibt das Ausmaß der Ungleichverteilung. Der Reichtum wächst schneller
als die Wirtschaft. Er konzentriert sich immer mehr auf eine schwer zu kontrollierende Minderheit von Superreichen“
(Humanwirtschaft 02/2006, S. 13)
„Wir haben vielmehr ein Problem der ständigen lautlosen Umverteilung zulasten der heutigen und künftigen Armen und
zugunsten der künftigen Reichen. Während die Schuldenberge an alle weitervererbt werden, gehen die Vermögensberge
zur Hälfte an die zehn Prozent Reichen. Und dieses Verteilungsproblem wird sich ständig weiter verschärfen. Exponentiell.
Zum Schluss werden die Vermögensberge bei einem Prozent der Bevölkerung sein und die Schuldenberge beim Rest.“
(Geld oder Leben, 2004, S. 52)
„Wir haben gezeigt,… wie das Prinzip des Exponentiellen…unaufhaltsam in eine immer größere soziale Ungleichverteilung
führt und wie sich diese Entwicklung in Spätzeiten aufgrund ihrer exponentiellen Mathematik explosionsartig beschleunigt.“
(Geld oder Leben, 2004, S. 94)
„Die Schere zwischen Besitzenden und Habenichtsen öffnet sich… Betrug ihr Öffnungsabstand 1992 noch etwa vier Billionen
DM, betrug er 2001 bereits 14 Billionen. Aller Überfluss erzeugt Mangel, aller Reichtum erzeugt neue Armut, alle
Armut erzeugt neuen Reichtum.“ (Geld oder Leben, 2004, S. 67)

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Pikettymanie r > g – Andreas Bangemann

Wirtschaftsprofessor wird zum gefeierten „Pop-Star“ –

Thomas Piketty lehrt an der Pariser School of Economics und der „École des Hautes Études en Sciences Sociales“. Er brachte, zunächst in französischer, vor kurzem auch in englischer Sprache ein Buch heraus, das für beträchtlichen Wirbel sorgt:
„Das Kapital im 21. Jahrhundert“ [Ursprünglich sah der für die Übersetzung zuständige Verlag vor, erst Anfang 2015 die deutsche Fassung herauszubringen. Doch aufgrund des immensen Erfolges von mittlerweile weltweit mehr als 300.000 verkauften Exemplaren will man sich jetzt beeilen und das Werk ab Oktober 2014 an den Buchhandel ausliefern.]

Was versetzt Kommentatoren weltweit, aber vor allem die Ökonomen-Kollegen Pikettys an den Universitäten in eine Art Hochgefühl? Es lässt sich im Wesentlichen auf eine Erkenntnis zurückführen, die der Autor mit Hilfe aufwändig recherchierten Zahlenmaterials beweist:

Weil über einen längeren Zeitraum r > g ist, also die Einkommen aus Kapital (r) größer sind als das Wirtschaftswachstum (g), verschärft sich die Ungleichheit in der Gesellschaft zunehmend. Sowohl Reichtum bei Wenigen als auch Armut bei Vielen nimmt zu. Die Ungleichheit nimmt auf eine Weise zu, dass die Gesellschaft zu zerbrechen droht und die Demokratie gefährdet ist. Dabei überrascht am meisten die außergewöhnliche Anerkennung der Wissenschaftswelt gegenüber dieser im Grunde „einfachen“ Erkenntnis. Auf den Titelseiten der Wirtschaftspresse findet man Superlative, die man sonst nur aus der Welt des Showbusiness kennt. Piketty scheint einen „Nerv“ getroffen zu haben. Offenbar wurde eine Art aufgestauter Verzweiflung gelöst. Ein blinder Fleck in der Wirtschaftswissenschaft ist beleuchtet. Die Ökonomie hat die Erklärung für ein Phänomen gefunden, das es nach Maßgabe der etablierten Modelle im Grunde genommen nicht geben darf: Trotz zunehmendem materiellen Reichtum insgesamt und jahrzehntelangen
hohen Wachstumsraten „produziert“ die Wirtschaft eine dramatisch ansteigende Armut.

Doch welche Folgen zeitigt dieses neue Wissen? Kann sich der Kapitalismus aus sich selbst heraus erneuern und damit retten? Brauchen wir völlig neue Modelle? Die aktuelle „Pikettymanie“ ist ein untrügliches Indiz für die hermetisch von den realen Entwicklungen abgekoppelte Welt der Wirtschaftswissenschaften. Seit Jahrzehnten sind die „bahnbrechenden“ Erkenntnisse aus dem „Kapitel des 21. Jahrhunderts“ Gegenstand vieler Bücher. In „Expertenkreisen“ und den damit vernetzten politischen Einrichtungen nahm man sie nicht zur Kenntnis, weil die Autoren „interdisziplinär“ arbeiten und Quereinsteiger eher als „Querulanten“ denn als konstruktiv Beitragende wahrgenommen werden. So hat beispielsweise Prof. Günther Moewes in seinem 2004 erschienen Buch „Geld oder Leben“ mit eindrücklichen Worten und auf Basis nachvollziehbarer Daten auf die Entwicklung der Ungleichverteilung hingewiesen.[s. Seite 6 in dieser Ausgabe, Beitrag Günther Moewes]

(c) Martin Bangemann 0

Auf ein Wort – Editorial

Unsere Sprache ist schön. Quasi aus dem Nichts lassen
sich neue Wörter bilden. Man setzt einfach zwei zusammen
und erzeugt ein neues. Oftmals mit völlig anderem
Sinn. Der Esel und die Brücke werden so zur Eselsbrücke.
Die Engländer Adam Fletcher und Paul Hawkins ernannten
in ihrem „Zweisprachigen Wendebuch“ „Denglisch
for better knowers“ die „Eselsbrücke“ zu einem der zehn
schönsten deutschen Wörter. Man habe das Bild eines
treuen Esels vor Augen, mit dem man all die Dinge, die
man sich nicht merken kann, über die Brücke in die „Gedächtnisstadt“
trage. Kein Wunder, dass derlei Fantasien
dabei helfen, eine Bezeichnung fest zu etablieren.
Wer eine Entdeckung macht, für die es noch keinerlei
Ausdruck gibt, der versucht es mit einer wahrnehmbaren
Eigenschaft des Neuen. Solange sich Begriffe für
Innovationen nicht etabliert haben, halten die Kritiker
der Schöpfer nach Merkmalen Ausschau, die zur Verunglimpfung
beitragen. »Staatsdiener« steht im Duden.
»Sesselfurzer« ebenso.
»Schwundgeld« findet man in keinem Wörterbuch. Wenn
man es das erste Mal hört, verbindet man damit garantiert
alles andere als etwas Vorteilhaftes. Gleichwohl verbirgt
sich etwas Geniales dahinter. Die Verwendung des
Wortes wurde jedoch maßgeblich von Gegnern des hinter
dem Begriff stehenden Konzepts lanciert. Weil es in
gewisser Weise so konkret war, wird es deshalb bis zum
heutigen Tage auch von Leuten verwendet, die im Grunde
wissen müssten, wie falsch es für das ist, was dabei ausgesagt
werden will. Ausgangspunkt ist ein Vorschlag,
dessen Anwendung Geld in seiner Funktion als Tauschmittel
wirkungsvoller machen und so stabilisieren soll,
wie es das in keiner Währung je gab. Doch wer strebt danach,
etwas so Begehrenswertes wie Geld schwinden zu
sehen?
Es geht um eine völlig neuartige Währung. Eine, die als
öffentliche Einrichtung konzipiert wird und die vor allem
der Gemeinschaft des Währungsraumes dient. Das wiederum
tut sie dann am besten, wenn ihre Nutzung so
geregelt wird, dass der gewünschte Zweck erfüllt wird:
Geld muss fließen. Wie das Blut durch die Adern des
menschlichen Organismus fließt, muss Geld störungsfrei
und ohne Staus durch den Wirtschaftsorganismus
strömen. Der Mensch als Sammler und Jäger nimmt lieber
ein, als er ausgibt. Festhalten liegt uns mehr als Loslassen.
Folglich brauchen wir hin und wieder auch etwas
„Druck“, damit wir unseren Eigennutz dem Gemeinwohl
hintanstellen. Für ein „Fließendes Geld“ ist deshalb
die Idee einer Gebühr entwickelt worden. Ursprünglich
von dem deutsch-argentinischen Unternehmer Silvio
Gesell. Eine Gebühr, die dem Geld „Beine macht“ lautete
sein Vorschlag. Und die es krisensicherer werden
lässt. Ein „Fließendes Geld“ würde Zinsen nicht abschaffen.
Freilich aber die umverteilende Wirkung von Zinsen,
denn deren Höhe sollte idealerweise in Größenordnungen
pendeln, die „Geld mit
Geld verdienen“ unterbindet.
Dennoch wäre es leicht, diese
Gebühr nicht bezahlen zu müssen.
Dazu braucht man Geld nur im Sinne seines ursprünglichen
Zwecks nutzen und es fließen lassen. Es
handelt sich also nicht einfach um eine Einnahmemöglichkeit
für den Staat, sondern um eine Lenkungsabgabe,
die auf ein Verhaltensziel ausgerichtet ist. Nur, wer Geld
festhält, zahlt Gebühr, wer es nutzt, genießt die Fülle
der Angebote von Produzenten und Dienstleistern und
die Vorteile der stabilsten jemals von Menschen ausgedachten
Währung.
Wie kann man zulassen, ein solches Währungskonzept
„Schwundgeld“ zu nennen?
Die oberflächlichen Verwender des Begriffs können oder
wollen der Sache nicht auf den Grund gehen. Helfen
würde ihnen nur, sich durch eigenes Forschen kundig zu
machen.
Unsere bestehenden Währungen, sei es Dollar, Euro,
Yen oder das Englische Pfund, ja selbst die „gute alte“
Deutsche Mark, sind das wahre „Schwundgeld“. Über
lange Zeiträume hat die Inflation den Geldwert auf einen
Bruchteil seines ursprünglichen Wertes schwinden lassen.
Was noch weitaus schwerer wiegt ist, dass die Eigenschaften
dieser heute verwendeten Währungen im
Laufe der Jahre zu bedrohlichen Auswirkungen führten.
In nahezu allen Ländern mit Inflations-Schwundgeld
zeigt sich die gleiche gesellschaftliche Spaltung von Arm
und Reich. Ein Geld, das nicht fließt, sondern beliebig zur
Erzielung leistungsloser Einkommen „festgehalten“ werden
kann, würgt mit der Zeit das Wirtschaftsleben ab und
droht Gemeinschaften zu vernichten. Die globale Naturzerstörung
hinzugenommen, haben wir ein Ausmaß erreicht,
das nur ein Urteil zulässt: Dieses Geld, eingebettet
als eigenständiges kapitalistisches System in unserer
Marktwirtschaft, erwürgt alles Leben.
Die Bezeichnung „Würggeld“ für die aktuellen Währungen
in der Welt ist angebracht, denn allesamt liegt ihnen
das Konzept leistungsloser Geldeinnahmen durch
Zins und Zinseszins zu Grunde.
Dagegen ist Fließendes Geld mit den beschriebenen Eigenschaften
ein Wirkgeld. Die Wirkung bestünde zum
einen in der sukzessiven Auflösung von Ungleichheit
und zum anderen in der Befreiung von künstlich erzeugter
Knappheit. Zusammengenommen dürften das
die bedeutsamsten Voraussetzungen dafür sein, dass
wir als Menschen unseren Platz im Lebensraum finden.
Dort, wo alles mit allem verbunden ist.
Herzlich grüßt Ihr Andreas Bangemann

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Negative Zinsen – ein heilsames Gift? – Terminhinweis Bad Boll

Tagung des Seminars für freiheitliche Ordnung am 19. und 20. Juli 2014 in Bad Boll.
In vergangenen Zeiten war allein ein positiver Zins denkbar, aber häufig auch ein Stein des Anstoßes:
• die meisten Religionen standen ihm kritisch gegenüber, ohne so recht mit ihm fertig zu werden (siehe mittelalterliches Zinsverbot)
• die Sozialisten sahen in ihm die Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital, ebenfalls ohne praktikable Mittel zu seiner Überwindung
Negative Zinsen sind ein Novum in der Realität der Wirtschaft und auch in der Volkswirtschaftslehre.
Die heutige Diskussion über sie hat einerseits populäre Gründe und andererseits einen mehr die
Fachwelt beschäftigenden Ausgangspunkt:
• Viele Anleger fühlen sich durch die in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich und deutlich gesunkenen Zinsen benachteiligt.
Kapital steht immer reichlicher zur Verfügung. Wenn die Inflationsrate höher ist als der Zinssatz, wird eine real negative
Verzinsung der Ersparnis beklagt.
• Zugleich wird in der Wissenschaft und in Notenbankkreisen bei Leitzinsen von nahe Null ein Ende des zinspolitischen
Handlungsspielraums der Geldpolitik befürchtet. Diesen Spielraum hofft man zu erweitern, indem man die Leitzinsen durch
Inflation in den Bereich negativer Realzinsen drückt. Inflationsraten halten die Notenbanken schon lange für erforderlich, um
einen ausreichend großen Sicherheitsabstand von der Deflation halten zu können. Nun gibt es für die Bemessung der richtigen
Höhe der Inflationsrate einen zusätzlichen Gesichtspunkt.
Die neueren Entwicklungen werfen brisante Fragen auf:
Stehen wir vor einer bisher kaum bemerkten wirtschaftlichen Zeitenwende?
Geht der Kapitalismus – auch ohne Revolution – seinem Ende entgegen?
Wird das Ziel der Zinskritik der Religionen – auch ohne Zinsverbot – erreicht?
Was sind die gesellschaftlichen, was die politischen Auswirkungen?
Welche Vorteile, welche Gefahren sind mit diesen Entwicklungen verbunden?
Und was sind die Konsequenzen für den Einzelnen?
Weitere Informationen und Anmeldung unter: http://sffo.de und Tel.: 0 71 64 – 35 73

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Minuszinsen – Wer gewinnt, wer verliert? – Andreas Bangemann

Mythos vom „Kleinen Sparer“ – Warum niedrige Zinsen für viele Geldanleger von Vorteil sind. –

Zusammenfassung: Für Geldanlagen
bekommt man welche – für Kredite
muss man sie bezahlen: Zinsen. Oft wird
jedoch übersehen, dass man auch Zinsen
bezahlt, wenn man überhaupt keine
Schulden hat. Zinsen stecken nämlich
in allen Preisen und Steuern. Eine Diskussion
um niedrige Zinsen oder neuerdings
„Minuszinsen“ für angelegtes Kapital
verliert diesen Aspekt häufig aus
den Augen und kommt zu Schlussfolgerungen,
die mit den Tatsachen nicht
übereinstimmen. Bei der Frage, wie
hoch der Zinsanteil in den Preisen des
täglichen Lebens ist, kann man leider
nur auf Annahmen aufbauen, die sich
näherungsweise aus zugänglichen Statistiken
ableiten lassen. Der vorliegende
Beitrag versucht mit Hilfe von Berechnungen
das Bild geradezurücken, wonach
niedrige Zinsen nachteilig für den
„kleinen Sparer“ seien.
Die EZB fasste am 5. Juni 2014
einen von manchen Experten
„historisch“ genannten Beschluss.
Für Einlagen, welche Geschäftsbanken
bei der Zentralbank
halten, werden „Minuszinsen“ (-0,1 %)
fällig. Eine Bank, die der Zentralbank
– meist geschieht das für kurze Zeiträume,
oftmals nur über Nacht – einen
Geldbetrag überlässt, also ein Guthaben
bildet, bekommt bei der Auszahlung
weniger zurück, als sie zuvor
eingelegt hat. Der Aufschrei in den
Medien ist immens. Man beschreibt
eindrucksvolle „Horrorszenarien“, um
diesen Schritt der obersten Währungshüter
zu kritisieren. Ärgerlich genug,
dass die Zinsen so niedrig seien, jetzt
traut man sich auch noch die für unüberwindbar
gehaltene „Null“ zu unterbieten!
Von Enteignung der Sparer ist die
Rede. Der angelsächsische Kapitalismus
sei rettungslos verloren,
sagt Jakob Augstein im Spiegel[http://www.spiegel.de/politik/ausland/minus-zinsender-
ezb-europawahl-umbrueche-in-der-eu-a-973538.html].
Der reiche Nichtstuer sei vom Aussterben bedroht.[http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wie-das-endeder-zinsen-den-kapitalismus-veraendert-a-883444.html]
„Wir entwerten die Vermögen der Menschen
in Europa mit diesem niedrigen
Zins. Das hilft niemandem.“ ermahnt
der Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon.[http://www.welt.de/finanzen/article128755033/EZBfuehrt-erstmals-Strafzins-auf-Bankeinlagen-ein.html]
Doch, was ist an dieser Einschätzung
des obersten Bankers aller deutschen
Sparkassen zutreffend? Sind niedrige
oder Minuszinsen tatsächlich ein Nachteil
für den weitaus größten Teil der Bevölkerung?
Ein geringer werdendes Geldvermögen
bedeutet oberflächlich betrachtet
eine Entwertung. Keine Frage. Untersucht
man jedoch weitere direkte Zusammenhänge,
sieht die Sache für die
meisten Betroffenen völlig anders aus.
Beim Blick auf die Verteilung der Geldvermögen
in Deutschland, wird eines
klar: In der Tat vermögend und damit
unter Umständen Leidtragende niedriger
Zinsen sind im Höchstfall 10 % der
Bevölkerung. Sie halten knapp 70 % aller
Geldvermögen.
Laut einer Studie des Deutschen Instituts
für Wirtschaft (DIW) von Anfang 2014
verfügt das reichste 1 % in Deutschland
über ein Durchschnittsvermögen von
800.000,- ¤. Die oberen 10 % nennen
rund 217.000,- € ihr eigen. Derlei Statistiken
verbergen trotz eindeutiger Zahlen
mehr als sie offenbaren. Innerhalb jeder
noch so kleinen betrachteten Gruppe
können die Unterschiede unvorstellbar
sein. Nur ein Beispiel: Ein einzelner Milliardär macht 999 Habenichtse statistisch
zu Millionären, wenn man den Geldbetrag
durch die Anzahl der Personen teilt.
Man schätzt, dass alleine in Deutschland
mehr als 100 Milliardäre leben. Selbst
unter diesen gibt es „arme“ und „reiche“,
die zusammengefasst auf 336 Milliarden
Euro Geldvermögen[http://www.welt.de/wirtschaft/article120687225/Deutschlands-Milliardaere-sind-so-reich-wie-nie.html] kommen.
Um sie und jene 1 Million Millionäre[http://www.welt.de/finanzen/article117239605/In-Deutschland-leben-erstmals-eine-Million-Millionaere.html]
(Vermögen zwischen 1 Million und 999
Millionen Euro), die es seit 2013 hierzulande
geben soll, wird man sich hinsichtlich
niedriger Zinsen keine existenziellen
Sorgen machen müssen, zumal
in diesen Kreisen ein professionelles
Anlagemanagement vorausgesetzt
werden kann. Immerhin jeder 80. in
Deutschland (rund 1,25 % der Bevölkerung)
gehört dazu.
Richten wir jedoch die Aufmerksamkeit
auf die 90 % unserer Mitbürgerinnen
und Mitbürger, die Georg Fahrenschohn
der Gefahr der Entwertung ausgesetzt
sehen dürfte. Schließlich sind Sparkassen
nach wie vor – neben den Volksund
Raiffeisenbanken – die Geldhäuser
der „kleinen Sparer“. Am unteren Ende
der „Vermögenstabelle“ bleiben 20 %
Haushalte, die über keinerlei Ersparnisse
verfügen. Warum sie und die meisten
Kunden regionaler Banken von niedrigen
Zinsen profitieren, soll nachfolgend
gezeigt werden.
Nehmen wir einmal einen, wiederum
nur unter den reichsten 20 % unserer
Mitbürger anzutreffenden Sparer, der
100.000,- € auf der „hohen Kante“, also
teils in Form von Sparbriefen, aber auch
in Lebensversicherungen und dergleichen
angelegt hat. Machen für ihn eine
kleine Rechnung auf.

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12 Stunden Goldener Schlaf – Claudia Pflug

Lieber Herr Bangemann, wir hatten
Ende letzten Jahres miteinander telefoniert,
da ich Ihnen meine neue Anschrift
mitgeteilt hatte. Außerdem war
mein kleines Baby unterwegs. Teresa
Marie Mildred ist inzwischen schon
über drei Monate alt.
Im Hinblick auf die Ziele Ihrer Zeitschrift
– die Kritik des Kapitalismus,
oder besser, die Überwindung desselben
hin zu einer „Humanen Wirtschaftsordnung“
möchte ich Sie auf eine Thematik
aufmerksam machen, die sich wie die
Faust aufs Auge in die Artikel einfügt.
Durch meine Schwangerschaft sah ich
mich unter anderem mit dem Thema
Windeln konfrontiert. Ich beabsichtigte
eigentlich, mit Stoff zu wickeln. Im Zuge
meiner Recherchen im Internet stieß ich
jedoch auf Hinweise, dass es auch ohne
Windeln geht. So gibt es zum Beispiel
ein Buch von Rita Messmer „Ihr Baby
kann’s“ oder von Ingrid Bauer „Es geht
auch ohne Windeln.“ Gleich als ich nach
dem dritten Tag aus der Klinik zurück
kam und ich das Baby ausgepackt hatte,
habe ich es über der Badewanne abgehalten
und siehe da, es hat sein Geschäft
außerhalb der Windel verrichtet.
Nun – worauf ich hinaus will: In anderen
Ländern ist es ganz normal,
die Babys nicht zu wickeln, sondern
auf seine Ausscheidungsbedürfnisse
zu achten und es nicht in seinen
Ausscheidungen liegen zu lassen.
Dummerweise kann man mit dieser
Einstellung kein Geld verdienen. Die
Firma Pampers von Procter & Gamble
steckt Unmengen Geld in Forschung
und Werbung[1] und suggeriert, dass
das Baby viel besser durchschlafen
kann, weil es wegen der tollen saugfähigen
Windel ja so schön trocken
bleibt und keine Nässe spürt. Eigenartig,
dass mein Baby regelmäßig
mehr als 8 Stunden durchschläft, trocken
bleibt und sich erst löst, wenn
ich es abhalte. Das muss dann allerdings
ziemlich flott gleich nach dem
Munterwerden passieren. Im Übrigen
wird durch ein Hormon gesteuert,
1 http://www.spiegel.de/spiegel/a-710878.html, http://
papa-online.com/so-entsteht-eine-pampers-ein-blickhinter-
die-kulissen-des-windelgiganten/, http://www.faz.
net/aktuell/rhein-main/pampers-in-schwalbach-auf-dersuche-
nach-der-besten-windel-aller-zeiten-12563184.html
dass nachts der Urin zurückgehalten
wird. Also eine glatte Lüge der Industrie.
Rita Messmer schreibt in ihrem Buch:
„Man wird es wohl eher fertig bringen,
den Menschen, die heute noch
keine Windeln kennen, unsere Windelkultur
zu bringen, als von ihnen zu
lernen, wie es ohne Windeln geht. …
Den Konzernen geht es nicht um die
Hygiene und Gesundheit der Kinder,
sondern nur ums Geschäft.“
Gigantisch – in vollkommener
Verblendung
Weitere Aspekte sind natürlich auch
die der Umwelt, der Kosten und des
Abfalls. Laut Rita Messmer fallen in
Deutschland jährlich etwa 340.000
Tonnen Windelmüll an. Es braucht
ungefähr 300 Jahre, bis eine moderne
Windel verrottet ist. Und ein Baby
produziert zwischen 1 bis 2,5 Tonnen
Windelmüll. Auch der Herstellungsprozess
belastet die Umwelt enorm.
Ich habe ein wenig das Gefühl, dass
die Ausmaße so gigantisch und die
Verblendung so vollkommen ist – wie zum Beispiel beim Zinseszins – dass die
Angelegenheit gar nicht als problematisch
wahrgenommen wird.
Im Übrigen habe ich in meinem direkten
Bekanntenkreis noch niemanden
getroffen, der die Windelfreiheit bzw.
einen reduzierten Windelverbrauch
praktiziert. Immerhin habe ich bei den
Damen aus meinem Geburtsvorbereitungskurs
Werbung damit gemacht.
Aber es traut sich eben doch keine so
richtig ran. Auch hier scheint die Macht
der Werbung enorme Wirkung entfaltet
zu haben. Keiner (fast keiner) macht
sich Gedanken darüber, dass sich Babys,
so klein sie auch sein mögen, ihrer
Ausscheidungen bewusst
sind. Es würde
auch keiner in
Frage stellen,
dass ein Baby
weiß, wann es
Hunger hat. Natürlich
muss
ich sehr eng
am Baby dran
sein, um seine
Signale zu
verstehen und
wahr zu nehmen.
Manchmal
kann
es aber auch
sehr deutlich
meckern, wenn
es muss. Wenn
ich dann nicht reagiere,
ist es meine
Sache. Auf seinen
Instinkt zu vertrauen,
wird heute leider nicht mehr vermittelt.
Aber ihn wiederzuerwecken, ist der
Mühe wert. Und das Tolle an der Sache
ist, wenn man einmal damit angefangen
hat, kann man nicht mehr zurück. Und
Spaß macht das Abhalten auch. Selbst
wenn eine Freundin von mir sagte, es sei
wohl eher die Verwirrung durch die Hormone,
als dass so etwas Freude bereiten
könne.

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Die „Schöne aus Marienhöhe“ darf nicht sterben – Pat Christ

Saatgutaktivisten kämpfen gegen die geplante Novellierung einer EU-Verordnung – Radieschen, Mohn und Zitronenbasilikum,
Obsidian, Slim Jim und Wilde Rauke:
Dutzende Raritäten und bewährte
Hausgartensorten gab es im Februar
beim Saatgut-Festival im unterfränkischen
Iphofen zu bestaunen und zu erwerben.
Stargast der Veranstaltung, die
mehrere hundert Besucher von teilweise
weither anzog, war die alternative
Nobelpreisträgerin Vandana Shiva. Sie
plädierte eindringlich dafür, sich für den
Erhalt der Sortenvielfalt einzusetzen.
Vandana Shiva gilt als Herz der
weltweiten Bewegung für freies
Saatgut. Vor über 25 Jahren gründete
sie die Organisation Navdanya,
die in Indien und weltweit für die Erhaltung
traditioneller Sorten eintritt. Am
Fuß des Himalaya betreibt Navdanya
ein Forschungsinstitut, außerdem wurden
55 Saatgutbanken in Indien etabliert.
Menschen auf die Bedeutung des
Saatguts aufmerksam zu machen, darin
sieht Vandana Shiva ihre Mission. Dabei agitiert sie auf sanfte und humorvolle
Art. „Ein Samen ist so klein“,
sagt die Inderin. „Aber wir haben uns
daran gewöhnt, in großen Zusammenhängen
zu denken.“ Etwas so kleines
wie Saatgut werde darum vergessen
und vernachlässigt. Dabei sei es ungemein
faszinierend: „Ist es doch reines
Potenzial.“ Welche Pflanze
ist noch resistent?
In den 1970er Jahren war es hier zu einer
Epidemie durch einen Virus gekommen.
Die Reisernte wurde auf über
116.000 Hektar Ackerfläche vernichtet.
Fieberhaft suchte man unter 17.000
Reissorten nach solchen mit entsprechenden
Resistenzen.
Es gab tatsächlich einige kräftige
Pflanzen, die dem Virus widerstanden.
Durch deren Einkreuzung gelangt es,
die Verbreitung des Krankheitserregers
einzudämmen. „Wäre diese eine Sorte
nicht mehr vorhanden gewesen, hätte
es kaum eine Möglichkeit gegeben, der
Epidemie Einhalt zu gebieten“, warnt
die Organisation „Global 2000“.
Bürokratische
Saatgutregulierung geplant
Kurz vor Beginn der diesjährigen Saatzeit
informierten Saatgutaktivisten wie
Vandana Shiva, welchen gefährlichen
Kurs bezogen auf das Saatgut Europa
gerade nimmt. „Die Europäische Union
maßt sich an, künftig zentral regulieren
zu wollen, welches Saatgut in
28 Mitgliedstaaten gehandelt werden
darf“, empörte sich Benedikt Härlin
von „Save Our Seeds“, einer Initiative zur Reinhaltung des Saatguts. Das sei
„eine unglaubliche Arroganz“.
Warum muss so akribisch reguliert werden,
was die Menschen künftig säen?
Dadurch werde Vielfalt bedroht – denn
die braucht Härlin zufolge Freiraum:
„Sie ist niemals für 500 Millionen Menschen
über einen Leisten zu scheren.“
Durch die Verordnung sollen künftig
auch Bauern, Gartenbaubetriebe und
Erhaltungsinitiativen als Unternehmer
erfasst und dadurch gewissermaßen
standardisiert werden.

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Schon wieder – Laura Gottesdiener

Neues Geschäftsmodell mit US-Immobilien – Die Preise für Eigenheime steigen! Die
Baukonjunktur springt wieder an! Die
Krise ist überwunden! Seit einiger Zeit
bejubeln die Medien in den USA die
wundersame Wiederauferstehung der
Immobilienmärkte. Was sich hinter dem
ganzen Tamtam verbirgt, erfährt man
nicht. In der Branche breitet sich seit
knapp zwei Jahren eine komplett neue
Strategie des schnellen Reichtums aus.
Heimlich, still und leise haben Hedgefonds
und Private-Equity-Unternehmen
inzwischen ein wahres Imperium von
Mietimmobilien angehäuft. In Atlanta
schnappen sie sich viktorianische
Anwesen aus dem 19. Jahrhundert, in
Chicago verklinkerte Bungalows und in
Phoenix, Arizona, Villen im spanischen
Kolonialstil. Insgesamt haben diese
zahlungskräftigen Investoren mehr als
200.000 kostengünstige, vorwiegend
zwangsversteigerte Häuser aufgekauft.
Die an der Wall Street ausgelöste
Immobilienkrise hat seit Herbst
2007 mehr als 10 Millionen Menschen
um ihr Wohneigentum gebracht.
Dadurch ist ein paradoxes Problem entstanden:
Während Millionen leerstehender
Häuser, die in Bankbesitz übergegangen
sind, die Vorstädte verwaisen
lassen und die Kriminalitätsrate in die
Höhe treiben, sind Millionen obdachlos
gewordener US-Bürger auf der Suche
nach einer sicheren Unterkunft.
Zum Glück hat man an der Wall Street
jetzt eine Lösung gefunden: Die neuen
Investoren bieten den ehemaligen Eigentümern
die Chance, in ihre zwangsverkauften
Häuser zurückzuziehen –
als Mieter. Als Vehikel dient dabei ein
neuer Typ verbriefter Wertpapiere, der
allerdings das ganze Konzept in die Luft
sprengen könnte. Wie schon einmal.
Neues Verbriefungsmodell:
Ersteigern und vermieten
Seit Beginn des neuen Kaufrauschs
hat kein Unternehmen mehr Häuser erworben
als das größte Private-Equity-
Unternehmen der Welt: die Blackstone
Gruppe. Über ihre Tochterfirma „Invitation
Homes“ hat sie bei Zwangsversteigerungen,
über lokale Makler und direkt
von den Banken massenweise Häuser
aufgekauft. In Atlanta hat Invitation Homes
auf einen Schlag 1.400 Häuser erworben.
Bis November 2013 hat Blackstone
insgesamt 7,5 Milliarden Dollar
für 40.000 zumeist zwangsversteigerte
Objekte im ganzen Land ausgegeben,
macht seit Oktober 2012 pro Woche 100
Millionen Dollar. Vor kurzem kündigte
das Unternehmen an, man werde sich
auf diesem Gebiet auch international
engagieren. Als Einstiegsmarkt ist Spanien
vorgesehen, wo Zwangsversteigerungen
zum Alltag gehören.
Außerhalb des Finanzsektors ist der
Name Blackstone bislang kaum ein Begriff.
Dabei besitzt die Gruppe die meisten
vermieteten Einfamilienhäuser in
den USA. Hinzu kommen (ganz oder
teilweise) die Hilton-Hotelkette, das britische
Gesundheits- und Pflegeunternehmen
Southern Cross Healthcare, der
TV-Wettersender TWC (The Wheather
Channel), das US-Unternehmen Sea
World (Betreiber von Meeres-Themenparks),
die Kaufhauskette Michael’s
(Kunst und Handwerk) und Dutzende
weiterer Unternehmen.
Nach Angaben der US-Börsenaufsichtsbehörde
SEC verfügte die Blackstone
Group im Jahr 2012 über Vermögenswerte
in Höhe von 210 Milliarden Dollar.
Zu den institutionellen Anlegern des
börsennotierten Unternehmens gehören
fast alle namhaften Finanzinstitute,
die im Zusammenhang mit der Subprime-
Krise auf der Anklageliste stehen:
Morgan Stanley, Citigroup, Deutsche
Bank, die schweizerische UBS, Bank of
America und Goldman Sachs. Und natürlich
darf auch die größte US-Bank, JP
Morgan Chase, nicht fehlen, die im Oktober
2013 eine Pauschalstrafe in Höhe
von 13 Milliarden Dollar akzeptiert hat,
um die Einstellung zahlreicher Klagen
wegen ihrer riskanten und häufig illegalen
Geschäfte mit Hypothekenverbriefungen
zu erreichen.
Mit anderen Worten: Wenn Blackstone
jetzt erneut – unter Ausnutzung
der Wohnungskrise – das große Geld
macht, sahnen sämtliche Wall-Street-
Banken, die alle Welt als Hauptschuldige
betrachtet, mit ab. Also genau jene
Institute, die erst die Voraussetzungen
für die Überschuldungs- und Zwangsversteigerungskrise
geschaffen haben.
Folge:
Steigende Immobilienpreise
In bestimmten Wohnvierteln merken die
Leute bereits, dass da etwas aus dem
Ruder läuft – auch wenn ihnen Blackstone
kein Begriff ist. In Los Angeles zum
Beispiel wunderte sich der Makler Mark
Alston über eine merkwürdige Entwicklung:
Die Häuserpreise zogen wieder
an. Und zwar sehr schnell: von Oktober
2012 bis Oktober 2013 um satte 20 Prozent.
Unter normalen Marktbedingungen
zeigen steigende Preise eine wachsende
Nachfrage an. Aber hier war es
anders, denn die Zahl der individuellen
Hausbesitzer ging zurück.
Außerdem änderte sich der Kreis der
Interessenten. Alston macht seine Geschäfte
vor allem mit Objekten in den
innerstädtischen Wohnvierteln, wo die
Bewohner meist Afroamerikaner oder
hispanischer Herkunft sind. „Zwei Jahre
lang habe ich nichts mehr an eine
schwarze Familie verkauft, obwohl ich es
ständig versuche“, berichtet Alston. Seine
neuen Kunden waren ausnahmslos
weiße Geschäftsleute. Und noch eigenartiger
war, dass alle in bar zahlten.
Die Hypothekenkrise zwischen 2005
und 2009 hat die Vermögen der afroamerikanischen
Bevölkerung um 53
Prozent und die der Hispanics um 66
Prozent entwertet. Das sind Zahlen, die
jedes Vorstellungsvermögen übersteigen.
Heute können in den USA nur ganz
wenige Schwarze oder Hispanics ein
Haus kaufen und noch weniger in bar
bezahlen.
Blackstone dagegen kann das nötige
Geld mühelos aufbringen; die Deutsche
Bank zum Beispiel hat dem Unternehmen
eine Kreditlinie von 3,6 Milliarden
Dollar eingeräumt. Mithilfe solcher Summen
kann das Unternehmen natürlich
mit links Familien überbieten, die einen
Hauskauf auf traditionelle Weise finanzieren
müssen.
Der Deutsche-Bank-Kredit ermöglichte
es Blackstone zudem, in kürzester Zeit
sehr viele Objekte zu erwerben, was
für die lokalen Märkte ein Schock war.
Die Preise schossen derart in die Höhe,
dass viele Familien einfach nicht mehr
mithalten konnten. „Mit einem Unternehmen,
das auf künftige Wertsteigerungen
spekuliert, kannst du nicht konkurrieren,
wenn es mit Bargeld um sich
wirft. Es sieht fast so aus, als hätten sie
das so geplant“, meint Alston.
Ein Rückblick auf die Finanzkrise zeigt,
dass diese einen massiven Transfer von
Reichtum und Vermögenswerten bewirkt
hat, wobei die großen Verlierer die
Normalbürger und die großen Gewinner
die mächtigsten Finanzinstitutionen waren.
Die privaten Haushalte erlitten in
der Krise – nach einer Schätzung des
US-Finanzministeriums vom April 2012
– Wertverluste in Höhe von 19,2 Billionen
(trillion) Dollar; die Banken hingegen
vermochten, mehr als 5 Millionen
Häuser in ihren Besitz zu bringen.
Was das langfristig bedeutet, beginnt
sich erst langsam abzuzeichnen: Die
wirtschaftliche Erholung treibt eine fatale
Entwicklung, die in den Rezessionsjahren
begonnen hat, noch weiter voran
– eine Umverteilung von Reichtum und
Macht von unten nach oben.
In den Krisenjahren 2009 bis 2012 entfielen
95 Prozent der Einkommenszuwächse
auf das reichste Hundertstel der
US-Bürger. Mit der Erholung des Wohnungsmarkts
kam der enorme Wertzuwachs
nicht etwa Familien und Kommunen
zugute, sondern in erster Linie der
Wall Street. Seit Blackstone im Frühjahr
2012 begann, zwangsversteigerte Häuser
massenhaft aufzukaufen, flossen
Vermögenswerte in Höhe von schätzungsweise
88 Milliarden Dollar direkt
an Banken und institutionelle Investoren,
die ihr Kapital in Wohnimmobilien
angelegt haben. Und das ist erst der Anfang.
Der Aufkauf billiger Häuser in Erwartung
künftiger Wertsteigerungen ist freilich
nicht das einzige Geschäftsmodell, mit
dem Blackstone seine Profite machen
will. Der Finanzgigant möchte auch bei
den Mieten mitverdienen.
Der Aufbau eines Mietimmobilienimperiums
ist für die Wall Street eine komplett
neue Masche. Die Vermietung von
Einzelhäusern war bis vor kurzem das
klassische Betätigungsfeld von kleinen
Maklerklitschen. Diesen Markt haben
die Finanzalchimisten von Blackstone
jetzt aufgemischt: Im November 2013
brachte das Unternehmen nach monatelangem
Werberummel eine historische
Neuheit auf den Markt: ein erstklassig
bewertetes Anleihepapier, das
mit Mieteinnahmen besichert ist. Und
nachdem sich die Investoren um diese
Bonds geprügelt haben, kündigten
Blackstones Konkurrenten an, dass sie
möglichst schnell ähnlich verbriefte Anleihen
auflegen werden.
Die Idee, Mieteinnahmen zu bündeln
und an Investoren zu verkaufen, kann
man – je nach Blickwinkel – entweder
als naturwüchsige Fortentwicklung des
Finanzsektors oder als feuerspeiendes
Ungeheuer sehen. „Es handelt sich um
völliges Neuland“, meint Ted Weinstein,
der seit dreißig Jahren als Berater in der
Wohneigentumsbranche arbeitet. „So
was hätte ich mir nicht mal im Traum vorstellen
können.“
Wer allerdings 2008 die Subprime-Krise,
also den Absturz der hypothekengedeckten
Anleihepapiere, am eigenen
Leib erfahren hat, dem wird dieses
„Neuland“ merkwürdig bekannt vorkommen.
„Das ist wie ein mit Wohnhaushypotheken
besichertes Papier“, bestätigt
der Investor eines Hedgefonds, der mit
Blackstone im Geschäft ist. Auf die Frage,
warum der kleine Kunde, der sich an
die riskanten Papiere und den Crash von
2008 erinnert, diese „Sicherheiten“ für
sicher halten soll, hat er nur die Antwort:
„Vertrauen Sie mir.”
Für Blackstone ist das Ganze eine simple
Rechnung. Das Unternehmen will Gelder
vorgeschossen bekommen, mit denen
es zwangsversteigerte Häuser billig
erwerben kann, bevor die Preise wieder
steigen. Deshalb tut man sich mit
JP Morgan, Credit Suisse und der Deutschen
Bank zusammen und bündelt die
erwarteten Mietzahlungen von 3.207
Einfamilienhäusern zu Anleihepapieren,
die man an Investoren verkauft. Als
zusätzliche Sicherheit für diese Bonds
dienen Hypotheken der betreffenden
Häuser. Das Ganze ist natürlich nur ein
erster Testlauf für einen ganz neuen Geschäftszweig
namens „mietenbesicherte
Wertpapiere“.

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Der Strudel in die Sucht – Karl-Dieter Bodack

• Steuern werden als „Last“ bezeichnet, als „Belastung“ empfunden, von der man sich „befreien“ sollte;
• „Steuerersparnis“ wird hoch geschätzt, erhält gesellschaftlichen Wert, es gründen sich Unternehmen, die Steuer„ersparnis“ als Dienstleistung anbieten und dafür gute Honorare verlangen;
• In Gesprächen lobt sich jeder, der es geschafft hat, Steuern zu „sparen“, andere erkundigen sich, es entsteht eine Art neuer Volkssport des „Steuersparens“, mit einem gesellschaftlichen
Wert wie er seinerzeit dem Sparbuchsparen zukam;
• Von den Politikern wird gefordert, dass sie alles Wünschenswerte schaffen, Theater, Schulen und Kindergärten, Hilfe für Familien, die Volkshochschule, Umgehungsstraßen, Bürgerparks, Kinderspielplätze, mehr Busverbindungen schnellere Zugverbindungen;
• Politiker werden geschätzt, die das schaffen, Steuern zu senken und gleichzeitig möglichst alle Wünsche erfüllen;
• Die Folgekosten werden ignoriert: Was der Spielplatz monatlich in der Pflege, das Theaterensemble pro Zuschauer, der Park pro Spaziergang kostet, ist tabu, niemand spricht darüber,
keiner will es wissen;
• Bürger sparen als Vorsorge für schlechtere Zeiten oder fürs Alter, bringen Geldbeträge zu Banken, verlangen möglichst hohe Zinsen dafür;
• Die Kommunen, Länder und der Bund brauchen viel mehr Geld als sie einnehmen, leihen es von den Banken, richtiger von den Bürgern mit dem Versprechen („Bundesschätze“), es zurückzuzahlen;
• Berühmt wird ein Politiker nicht mit einem Park für ein paar Millionen, sondern erst mit einem „Freizeitpark, der ein paar hundert Millionen kostet;
• Anfängliche Millionen-Anleihen werden zu Milliarden-Anleihen;
• Politiker werden gefeiert, wenn Sie als „Überväter“ wissen, was den Bürgern guttut und wenn sie das auch gegen Widerstände all derer, die mangels Einsicht dagegen sind, durchdrücken;
• Die Zinsen für die Kredite beanspruchen mehr und mehr Anteile aus den Steuergeldern;
• Die Kreditsummen steigen, weil mehr und mehr Steuergelder von Zinszahlungen absorbiert und gleichzeitig die Projekte immer größer werden;

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Das transatlantische Freihandelsabkommen – Wolfgang Berger

Finanzielle Massenvernichtungswaffen fahren die Ernte ein –
>>Le Monde diplomatique<< – die französische
Zeitung für auswärtige Beziehungen
– bezeichnet das transatlantische
Feihandelsabkommen TAFTA
(Transatlantic Free Trade and Investment
Agreement) als „Staatsstreich in Zeitlupe“.
In geheimen Verhandlungen wird
es von den mächtigsten Konzernen der
Welt, die von 600 Industrieverbänden
vertreten werden, vorbereitet. Gesetze
benachteiligen immer diejenigen, die
bei ihrer Verfassung nicht dabei sind.
Dabei wird der Mensch „wie ein
Konsumgut betrachtet, das man
gebrauchen und dann wegwerfen
kann“, schreibt Papst Franziskus
im Evangelii Gaudium und fügt hinzu:
„Diese Wirtschaft tötet“. Sie tötet die
Würde, die Freiheit und den Sinn des
Lebens der meisten Menschen.
Vielleicht hat Benito Mussolini den
Begriff Faschismus passend definiert:
„Die Fusion zwischen Großkonzernen
und Staaten“. Wie ist dieser
Vernichtungsfeldzug geplant worden?
Wie wird er durchgeführt?
Das Killer-Spiel
„Live and let die“
(Lebe und lass andere sterben)
Banken vergeben Kredite gegen Sicherheiten.
Jeder Firmenchef und jeder
Hauseigentümer weiß das. Bei
der Kreditprüfung wird meist ein
Fünftel Eigenkapital verlangt. Für die
Banken selbst gilt diese Regel nicht.
Große Banken arbeiten mit 95 Prozent
Fremdkapital und hebeln so den
Ertrag auf ihr eigenes Kapital. Eine
Million Gewinn bleiben eine Million,
wenn das Geschäft mit Eigenkapital
finanziert wird. Bei fünf Prozent Eigenkapital
erhöht sich der auf das
Eigenkapital bezogene Gewinn dann
fast um das zwanzigfache.
Damit rechtfertigen die Banken die Millionengagen
Ihrer Topmanager, die diese
Gewinne „erwirtschaften“ – oder
sollen wir besser „ergaunern“ sagen?
Die Versuchung ist groß, dabei Risiken
einzugehen, die die Bank selbst nicht
auffangen kann. Gilt die Bank als systemrelevant
weil sie „too big to fail“ (zu
groß zum Scheitern) ist, werden ihre Verluste
auf die Steuerzahler abgewälzt.
So sind die Staatsschulden explodiert
und ganze Länder in den Bankrott getrieben
worden. In der Krise waren die
Staaten dann „too week to act“ (zu
schwach zum Handeln).
Der ersten Testläufe für dieses Spiel
sind vor zehn Jahren vorbereitet worden:
Niedrige Hypothekenzinsen und
die Erwartung steigender Immobilienpreise
haben auch Subprime-Kreditnehmer
(das sind solche mit schlechter Bonität)
in den USA zu Hauseigentümern
gemacht. Diese Kredite wurden zu „Derivaten“
(abgeleiteten Wertpapieren)
gebündelt und mit kurzfristigen Rückkaufvereinbarungen
(„Repos“: Sale and
Repurchase Agreements) weiterverkauft.
Hank Paulson – von 1999 bis 2006 CEO
(Vorstandsvorsitzender) der Investmentbank
Goldman Sachs – hat die
US-Banken Bear Sterns und Lehman
Brothers in Derivatgeschäfte in Milliardenhöhe
eingebunden. 2006 ist Paulson
US-Finanzminister geworden. Danach
haben neue Gesetze „Derivate“
in „safe havens“ (sichere Häfen) verwandelt.
Das bedeutet: Eine Bank, die Wertpapiere
über Derivate besitzt, kann sie
beim Konkurs der Schuldnerbank behalten.
2008 konnten Bear Sterns und
Lehman Brothers ihre Verpflichtungen
zum Rückkauf der „Derivate“ gegenüber
Goldman Sachs und dem britischen Finanzunternehmen
Barclays nicht erfüllen;
sie brachen zusammen. Die beiden
siegreichen Banken hatten zwei Konkurrentinnen
„gefressen“.
Durch EU-Direktiven haben die Besitzer
von Derivaten auch in Europa bevorzugten
Gläubigerstatus. Während
es im regulären Insolvenzrecht eine
Bevorzugung von Gläubigern nicht
gibt, ist sie bei Derivaten jetzt die
Norm. Derivate in Verbindung mit Repo-
Geschäften schöpfen Geld ohne Sicherheiten.
Die eine Bank nimmt, die
andere gibt – und das im Kreislauf ad
infinitum. Dieses Killer-Spiel wird in
den USA „Live and let die“ (Lebe und
lass andere sterben) genannt.

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Der Bürger und sein Staat – Gerhardus Lang

Gedanken zur „Besteuerung“ – Jeder Selbstständige beschäftigt für
teures Geld einen „Steuerberater“.
Was berät denn der? Doch nur, wie
man zu viel Steuern vermeidet. „Steuervermeidung“
ist der Sinn seines Daseins,
sonst nichts. Jeder macht das
so und befindet sich damit im gesetzlichen
Rahmen. Im Übrigen ist das
Steuerrecht noch im Stadium wie zu
Zeiten von Christi Geburt, dessen Eltern
zum Zwecke der Steuerschätzung
nach Bethlehem reisen mussten, um
der Obrigkeit, der wir „untertan sind
und die Gewalt über uns hat“, den
geschuldeten Obolus zu entrichten.
(Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die
Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit
ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist,
die ist von Gott verordnet, Römer 13,1)
Heute ist die Obrigkeit von den
Parteien ausgewählt immer noch
eine Obrigkeit, die Gewalt über
uns hat und die beschließt, was wir ihr
schulden. Diese als Finanzbehörde fungierende
Einrichtung ist ein Staat im
Staate, die in dieser Form schon Jahrhunderte
besteht. Sie hat schon zu Zeiten
der deutschen Kleinstaaten existiert,
hat sich mit dem ersten deutschen
Reich gefestigt, hat den ersten und den
zweiten Weltkrieg ohne Abstriche überstanden,
hat dem Kaiserreich das Heer
und die Flotte finanziert, hat die Weimarer
Republik mit Inflation und Deflation
überstanden. Dann hat sie ungebrochen
dem Diktator Hitler seine Großmachtspläne
finanziert und durfte danach die
Staatspleite „abwickeln“.
Nehmen und Geben
Wir, das Volk, von dem alle Staatsgewalt
ausgehen sollte, müssen nämlich
langsam anfangen, tatsächlich selber
zu beschließen, was wir für die Zwecke
des Staates ausgeben wollen. Aber das
wird uns verweigert, weil wir so etwas
angeblich nicht beurteilen könnten.
Gerade auf dem Gebiet des Steuerrechts
wissen die Mächtigen genau,
wie sie vorgehen müssen, denn die
Kuh, die man melkt, soll vom Gemolken-
Werden möglichst nichts merken,
es soll diskret zugehen (Grundsatz der
Unmerklichkeit der Besteuerung). Es
ist dieses das Prinzip der Spitzbuben,
dass die Leute, die bestohlen werden,
es nicht immer gleich merken, damit
nämlich der Dieb möglichst unerkannt
bleibt. Man hat es dem Gott der Diebe
– Merkur – abgelauscht: man soll
möglichst überhaupt nichts merken.
Das haben auch die Kaufleute und –
last, but not least – die Ärzte (deren
Gott auch Merkur ist!) an sich, unmerklich
das wegzuschaffen, was zu viel ist,
dorthin, wo es fehlt, wobei sich die drei
Berufe im real existierenden Leben gelegentlich
schlecht voneinander unterscheiden
lassen, weil sie manchmal im
Einzelnen als Gemengelage auftreten.
Inwieweit nun Politiker – insbesondere
Steuerpolitiker – einer der drei genannten
Kategorien angehören, ist so
leicht nicht auszumachen. Sie müssen
auch einerseits wegnehmen, damit sie
woanders hinzufügen können. Sie können
dabei ärztlich handeln, wenn sie
beabsichtigen, den kranken Zustand
in einen gesunden zu verwandeln und
wenn die ergriffenen Maßnahmen auch
zu diesem hehren Ziel führen. Vorgeben
tun es die Politiker meist lauthals, dass
genau dieses und nichts anderes ihre
Absicht sei. Rechnet man es dann allerdings
vor – oder auch nach –, so landet
zum Schluss das Weggenommene häufig
dort, wo sowieso schon zu viel ist,
und wird genau denen letztlich weggenommen,
denen es gut getan hätte.
Dabei sind die Wege der zu verteilenden
Beute oft so verschlungen, dass
die Spuren in die Irre führen, was auch
der Gott Merkur bald nach seiner Geburt
meisterlich beherrschte, indem er
die seinem Bruder Apollo gestohlenen
Rinder rückwärts in sein Versteck führte,
damit es so aussähe, als wären sie in
entgegen gesetzter Richtung gelaufen
Ja, die Frage ist berechtigt: lässt sich
das Ruder „herumwerfen“, oder auch:
lässt sich das oder die Steuer herumwerfen?
Wenn die See stürmisch ist,
ist das nicht so einfach, und manch
ein Schiff ist gekentert, weil das Steuer
zu schnell oder auch zu spät herumgeworfen
wurde. Deshalb ist es sicher
gut, wenn nicht zu schnell herumgeworfen
wird, wobei dann vor allem der
neue Kurs stimmen muss: es wird zwar
dauernd der Kurs gewechselt, aber wo
es letztlich hingehen soll, welches Ziel
erreicht werden muss, darüber macht
sich kaum einer Gedanken. Hauptsache
das Schiff fährt mal wieder in einer
anderen Richtung, egal wohin die Passagiere
eigentlich wollen.
Im Mittelpunkt aller steuerrechtlichen
Überlegungen steht heute der Mensch
nur im Hinblick auf den Widerstand,
den er der „legalen“ Enteignung entgegenbringen
wird, aber nicht, wozu das
Ganze eigentlich dienen soll. Die zentrale
Frage: „Was ist der Mensch?“ wird
ausgeklammert. Die einzige Antwort
darauf lautet heute: Der Mensch ist ein
(böser) Egoist, und deshalb muss man
ihn zum Wohltun führen, z. B. durch
Erheben von Steuern für das Gemeinwohl,
da dieses nicht egoistisch, sondern
altruistisch (gut) sei. So wird der
Mensch auch gegen seinen Willen anscheinend
von einem bösen zu einem
(jedenfalls teilweise) guten Menschen
gemacht, was vom Gesichtswinkel der
Ewigkeit her ihm wiederum nützt (jedenfalls
im höheren Sinn). Wozu sich
also noch Gedanken machen!

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Fehlt den Menschen das Bewusstwerden? – Richard Steinhauser

Gedanken zu Charles Eisenstein: „Die schönere Welt, von deren Möglichkeit unsere Herzen schon wissen“ –
Der Vision einer
schöneren Welt von
Charles Eisenstein
stimme ich vollauf zu –
sie ist möglich!
Muss man sich aber nicht zuvor
fragen: Warum ist die
heutige Welt nicht so schön?
Alles hat eine Ursache.
Was muss mir bewusst werden? Ich
lebe. Ich bin einer von sieben Milliarden
Menschen. Ich bin ein historisches,
soziales und personales
Wesen. Ich trage Verantwortung gegenüber
der Geschichte, der Gesellschaft
und mir selbst. Der religiöse
Mensch sieht sich als transzendentales
Wesen in der Verantwortung vor
Gott. Daraus folgere ich meine Lebensaufgabe:
Ich habe mein Leben auf der
Erde so zu gestalten, dass noch weitere
Generationen auf ihr Leben können.
Ist mir das bewusst?
Als geschichtliches Wesen schlummern
in mir Generationen. Als sozialem
Wesen erfahre ich, dass ich nur
durch das Du zum Ich werde. Eltern
haben mich gezeugt. Ich war hilflos
und vollkommen auf sie angewiesen.
Als Erwachsener habe ich Bedürfnisse,
die nur durch eine große Gesellschaft
erfüllt werden können. Als personalem
Wesen stehe ich vor allem in
der Verantwortung für meine Gesundheit.
Nur als gesunder Mensch kann
ich der Geschichte, der Gesellschaft
und mir selbst am besten dienen. Und
als transzendentales Wesen? Als denkender
Mensch versuche ich meinem
Leben einen Sinn zu geben. Ist mir das
bewusst?
Ich bin hineingeboren in die eine
Welt, in ein Volk, in eine Religion
(Konfession), in eine Gemeinde,
in eine Familie. Ich lebe in einem
Staat, der Gesetze erlässt und dadurch
weitgehend mein Leben bestimmt.
Ich benötige täglich Geld.
Das Geldwesen wird von der Ideologie
des Kapitalismus bestimmt. Der
Staat befindet über Krieg und Frieden.
Dies wird von der Ideologie des
Militarismus bestimmt. So leben wir
heute in der Welt des real und global
existierenden Militarismus. Der
Militarismus ist ein Gewaltsystem
und der Kapitalismus ein Schmarotzersystem.
Die ganze Welt steckt im
Teufelskreis der Gewalt und Ungerechtigkeit.
Diese Ideologien sind
die Verursacher unseres weltweiten
Dilemmas. Ist mir das bewusst?
Um leben zu können, braucht der
Mensch keinen anderen Menschen zu
töten, nicht einmal ein Tier. Was tut
der Mensch? Er führt Kriege. Es gibt
keine Rechtfertigung für den Militarismus.
Um leben zu können, braucht
der Mensch kein Millionär zu sein.
Was tut der Mensch? Er erfindet ein
Geldsystem, in dem man Multimillionär,
ja sogar Multimilliardär werden
kann. Es gibt keine Rechtfertigung für
den Kapitalismus. Militarismus und
Kapitalismus sind Lebenslügen. Sie
sind das institutionalisierte Böse in
der Welt. Ist mir das bewusst?
„Die Probleme, die es in dieser Welt
gibt, können nicht mit den gleichen
Denkweisen gelöst werden, die sie
erzeugt haben.“ (Albert Einstein). Zu
welcher Denkweise müssen wir gelangen?
Zur Gewalt (der Krieg ist die
schlimmste) gibt es nur eine Alternative,
die Gewaltfreiheit. Mit der Gewalt
kann kein Kompromiss geschlossen
werden. Die Gewaltfreiheit ist
eine fundamentale Wahrheit. Erst in
ihr sind wir unserer Menschenwürde
würdig. Die Gewaltfreiheit ist die Voraussetzung
für all unser Denken und
Tun. Nur so können wir unsere Probleme
und Konflikte, die es in jedem Zusammenleben
gibt, gewaltfrei durch
den Dialog lösen. Erst dann verhalten
wir uns wie vernunftbegabte Wesen,
sind wir Menschen.
Wie militärisches Denken hat auch
kapitalistisches Denken eine lange
Geschichte. Wie ein Trauma lasten
Militarismus und Kapitalismus auf
der Menschheit.

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Die Teufelei geht weiter! – Kommentar von Wilhelm Schmülling

Mit welcher Arroganz zelebrierten bisher
private Banken eine Aura der Seriosität
– bis hin zur Inneneinrichtung
(Interieur genannt) und bis hin zum Nadelstreifenanzug
der Angestellten. All
das sollte die eigene Geschäftstüchtigkeit
unterstreichen und die Wertschätzung
gegenüber Kunden, die man großzügig
am Erfolg des Hauses teilnehmen
lassen wollte, Bonität vorausgesetzt.
Einige Privatbanken sortierten gleich
bei der Geschäftsanbahnung die „Minderbemittelten“
unter einem siebenstelligen
Vermögen aus. Denen war offensichtlich
nicht zu helfen, den gnädig
aufgenommenen Kunden der Upperclass
schon, auch zum Vorteil der Bank.
Dieses anmaßende Verhalten,
Image-Pflege genannt, setzte
sich mehr oder weniger bei allen
Banken durch – mit Ausnahme bei Sparkassen
und Genossenschaftsbanken.
Und so verbreitete sich unter den Kunden
ein nahezu grenzenloses Vertrauen.
Seit der Finanzkrise von 2008 zerbröselte
dieses Bild. Das Geld der Anleger wanderte
in zunehmendem Maße – auch
bedingt durch das schwieriger werdende
Kreditgeschäft mit der Realwirtschaft
– an den internationalen Finanzmarkt.
Mit der Verbriefung von Hypotheken
wurden zuerst Hausbesitzer in bittere
Not gestürzt, dann ganze Länder. Das
Geschäftsgebaren bewusster Übervorteilung
von Kreditnehmern wurde ruchbar.
Einmal demaskiert, versprachen die
Banken Besserung. Und alle Welt glaubte
ihnen. Denn eine solch offensichtlich
schädliche Geschäftsidee könne keinen
Bestand haben. Weit gefehlt, es muss ja
nicht die gleiche Masche sein.
Wer am 1. 4. 2014 auf ARTE um 23.20
Uhr die Dokumentation „Die Geschichte
der französischen Banken. Eine Tragikomödie“
angesehen hat, ist erschüttert
über die Rigorosität der Bankgründer
und dem Ziel, Profitmaximierung des
angelegten Kapitals nahezu risikolos
zu erreichen. Die Kapitalkonzentration
bei den Banken ermöglichte eine Reichtumssteigerung
neben dem Großgrundbesitz
nun beim Geldadel. Es war die
Gründung des modernen Kapitalismus
bis hin zum Raubtierkapitalismus. Alles
bei ARTE gut recherchiert. Wer sucht,
der findet. Allerdings zu nachtschlafender
Zeit. Wer Printmedien bevorzugt,
findet umfangreiche Berichte in alternativen
Zeitschriften, wie der HUMANEN
WIRTSCHAFT. Auch die hier vorliegende
Ausgabe ist dafür ein Beleg.
Jeder Beitrag wäre eines umfangreichen
Kommentars würdig. Wenn ich nun das
„Neue Geschäftsmodell mit US-Immobilien“
von Laura Gottesdiener herausgreife,
dann deshalb, weil darin exemplarisch
„schon wieder“ das kaltblütige
Geschäftsgebaren – diesmal mit Mietern
– beschrieben wird. Aus den Desastern
des Banken-Crash von 2008
haben jedenfalls die Hedgefonds nichts
gelernt. Schon 2009 titelte SPIEGEL
ONLINE „Hedgefonds starten wieder
durch“.
Was aber Laura Gottesdiener auf Seite
18 dieser Ausgabe enthüllt, ist die Spitze
der Teufelei, nämlich die Abzocke der
„Underclass“, vornehmlich der schwarzen
Bevölkerung. Sie wähnte sich am
Ziel Ihrer Träume, eine dauerhafte Bleibe
in einer Mietwohnung zu finden. Stattdessen
zerrannen viele Träume. Ohne
die Strategie der Reichtumsvermehrung
der Banken zu kennen, glaubten sie sich
dank der vorgelegten Verträge in Sicherheit.
Bis sie die Tricks der Banken und
ihrer Hausverwaltungen zu spüren bekamen.
Ergo: Statt Hausbesitzer sind
nun Mieter das Ziel der Abzocker.
Die Teufeleien gehen aber nicht nur mit
Häusern und Wohnungen weiter. Sie
erfassen auch die Welt-Handelsbeziehungen.
Nur Wenige wissen um das geplante
Freihandels- und Investitionsabkommen
(TTIP) zwischen der EU und den
Vereinigten Staaten von Nordamerika.
Kein Wunder. Denn die Verhandlungen
wurden geheim geführt. Wohlgemerkt
sind die Vertragspartner insgesamt
Demokratien. Wenngleich nach dem
öffentlichen Druck die Intransparenz
gelockert wurde, so bleiben konkrete
Verhandlungstexte unveröffentlicht.
Was so begrüßenswert als Freihandelszone
geplant wurde, entpuppt sich als
ein Versuch, eine Schutzzone vornehmlich
für Kapitalinvestoren und Konzerne
einzurichten. In diesem Heft und schon
in Heft 01/2014 haben unsere Autoren
die infamen Machenschaften erläutert.
Was schließen wir daraus? Nur in einer
freiheitlichen Ordnung, nicht aber in einer
ausschließlich auf Kapitalertrag fixierten
Wirtschaftsordnung sind grundlegende
Reformen möglich.

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Die größere humanitäre Geste – Johannes Korten, Interview mit Ilija Trojanow

Johannes Korten führte das Interview mit Ilija Trojanow –
Ende Dezember 2013 hat GLS Online-Redakteur Johannes
Korten in Stuttgart den Schriftsteller und Autor Ilija Trojanow
getroffen. Im Gespräch ging es um die Datensammelwut von
Staaten und Unternehmen, fehlendes Bürgerengagement,
innere Widersprüche und die Arbeit als Schriftsteller. Ilija
Trojanow ist Kunde und Mitglied der GLS Bank.
»Mit Gewalt kann der Mensch nehmen,
aber nicht geben.« (Ilija Trojanow)
„Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung
und die Verhinderung anlassloser Generalüberwachung
sind zentrale Themen, für die Sie sich immer
wieder und mit großem Engagement einsetzen.
Was treibt Sie dabei ganz persönlich an?“
„Die Frage ist eher, wieso spüre ich diesen Zugriff
und andere nicht? Die Motivation ist ja meistens
wirklich so ein Bauchgefühl, so eine Unerträglichkeit.
Stellen Sie sich vor, jemand guckt Ihnen über
die Schulter und schaut, was Sie gerade in Ihr Handy oder in
Ihren Computer tippen. Da kann und wird wahrscheinlich jeder
von uns mit Ablehnung reagieren oder mit Abwehr. Wie
kann es aber sein, dass Menschen es nicht als Übergriff, als
Repression, als Verachtung ihrer Würde empfinden, dass
Staaten und Großkonzerne sie in dieser Art überwachen, kontrollieren
und ihre Daten nach Belieben verwenden. Ich persönlich
empfinde das als nicht erträglich und kann mir auch
eine Gesellschaft, die halbwegs human ist und so etwas akzeptiert,
nicht vorstellen.“
„Was glauben Sie, worin diese Lethargie, diese
Gleichgültigkeit begründet ist? Warum bleibt dieser
Aufschrei, warum bleibt diese Wehrhaftigkeit in
weiten Teilen der Gesellschaft aus?“
„Ich glaube, es gibt ein grundlegendes Problem.
Wir bilden uns ein, wir seien demokratisch verfasst.
Dabei unterliegt – so glaube ich – unsere Ausbildung
und unsere Konditionierung weiterhin einer
uralten Logik, die alles andere als demokratisch ist, sondern
hierarchisch, eher gehorsam folgend als selbstbestimmt denkend
und agierend. Von den Menschen wird eher ein Mitschwimmen,
ein Mitlaufen, ein Kuschen verlangt, als dass
das demokratische Ideal eines selbstbestimmten Individuums
verwirklicht wäre, das sich Gedanken macht, hinterfragt,
kritisch agiert, sich engagiert und immer wieder diese Freiheit
für sich selber und seine Zeit erkämpft, verteidigt und erweitert.
Zumal Widerstand ja auch anstrengend ist und von
einem selbst ausgehen muss. In unserer Gesellschaft herrscht
ja das Prinzip der Fremdversorgung. Dissens wird aber nicht
bereitgestellt. Das muss man sich selbst erarbeiten.
Die meisten Leute haben das Gefühl, irgendwie wäre
ihnen eine vage formulierte Freiheit gewährleistet. Manche
setzen diese Zuversicht mit unserem Grundgesetz und den
darin verbrieften Bürgerrechten in Beziehung. Aber viele erliegen
dem Irrtum, diese Freiheit sei so stabil wie die Mauern
ihres Hauses. Das ist ein großes Missverständnis. Ich
glaube nicht, dass dieses System tatsächlich ein Interesse
daran hat, den von mir erwünschten freien und freiheitlich
denkenden kritischen Menschen zu erzeugen. Im Gegenteil,
wenn man sich anschaut, was in den letzten zehn Jahren
passiert ist, Stichwort Bildungsreform, geht es ja genau
in die entgegengesetzte Richtung: Freiräume verengen und
noch mehr zuspitzen auf ganz bestimmte, meist wirtschaftlich
relevante Tätigkeiten.“
„Das klingt ja wenig optimistisch. Wo sehen Sie
denn Chancen, dieses Verhalten aufzubrechen, die
Menschen dahin zu bewegen, die richtigen Fragen
zu stellen und quasi eine Systemveränderung in Ihrem
Sinne herbeizuführen?“
„Es ist ein Missverständnis zu glauben, dass die genaue
Analyse der herrschenden Verhältnisse eine
pessimistische Haltung zum Ausdruck bringt. Im
Gegenteil, genau das gibt uns Ermutigung. Wir können
keinen Mut fassen und wir können eine andere, bessere
Welt überhaupt nicht imaginieren, geschweige denn ihr entgegengehen,
wenn wir nicht ein klares Verständnis davon haben,
was uns im Moment einengt, was uns bindet, uns in unseren
Möglichkeiten begrenzt, genauso wie ein Verständnis
der Fehlerhaftigkeiten, der inneren Widersprüche, der Risse
dieses Systems absolut unerlässlich ist, um eine sinnvolle alternative
Arbeit zu machen. Das Alternative beinhaltet ja semantisch,
dass man sich abgrenzt vom Existierenden, und
um das sinnvoll zu tun, muss man ja die Fehler des Existierenden
erst mal begreifen, um dann einen besseren Weg einzugehen.
Meine Hoffnung gründet auf zwei Sachverhalte: Zum einen die
Geschichte der Freiheit. Es ist faszinierend zu sehen, dass Menschen
immer wieder gegen alle möglichen Widerstände in verschiedener
Weise aufbegehren. Wir haben das in den letzten
Jahren international erlebt, Stichwort Brasilien, arabische Welt,
Länder, in denen niemand, selbst die Spezialisten, das erwartet
hatten; Zum anderen mein Zweckoptimismus. Mit dem
enormen Privileg eines Schriftstellers, sehr viel Zeit zu haben,
beschäftige ich mich seit 20 Jahren mit dieser Entwicklung. Die
katastrophalen Folgen des globalisierten Kapitalismus sind
nicht Entwicklungen, die man achselzuckend wie medikamentöse
Nebenwirkungen hinnehmen kann. Die gegenwärtige Entwicklung
stellt das Wesen von Humanität an sich in Frage.“

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Ausgebrannt – Ralf Oettmeier

Fakten, tatsächliche Hintergründe, Bewältigungs- und Vermeidungsstrategien zum Burnoutproblem.
BURNOUT ist in aller Munde. Kaum ein
Tag vergeht, an dem nicht neue Nachrichten
über den Ausstieg von prominenten
Sportlern, Trainern, Politikern, Managern
aus der Leistungsgesellschaft
erscheinen. Der Zustand totaler Überforderung
und Erschöpfung ist dabei nach
Kriterien der Universitätsmedizin noch
nicht einmal eine Diagnose, sondern nur
eine Störung. Diese zerstört aber viele
Existenzen, stürzt Familien ins Unglück,
fördert Firmenpleiten und ist schließlich
einer der Hauptursachen für Selbstmord.
Kaum einer der Leser wird nicht in seinem
Umfeld jemanden kennen, welcher
von der offenbar modernen Volksseuche
betroffen ist. Und betrachtet man unsere
finanzpolitische Situation national,
europäisch wie global, so lassen sich
hier erstaunliche Parallelen zum Burnoutproblem
der Menschen aufzeigen,
welche durch Aufstau von Problemen
und einem Unvermögen von dessen Lösung
gekennzeichnet sind. Als Arzt habe
ich mich zunächst den menschlich-medizinischen
Hintergründen gestellt. Bei
der tiefgründigen Ursachenforschung
kommt man jedoch nicht an finanzökonomischen
Zusammenhängen vorbei.
Vorbemerkungen und Definition
Definitionsgemäß beschreibt Burnout
einen Zustand anhaltender Überforderung
(Stress) mit Erschöpfung, Leistungsabfall,
innerer Distanzierung und
psychosomatischen Beschwerden. Es
handelt sich dabei im eigentlichen Sinne
nicht um eine anerkannte Krankheit,
sondern eine Lebenssituation ganz persönlicher
Art. In den Industriestaaten
nimmt diese Problematik stetig zu. Insbesondere
in Leistungsberufen
mit
einem Höchstmaß
an Verantwortung,
wie bei Ärzten, Führungskräften,
Verkaufsmanagement
und Politikern geht
man von einer Quote
von 30-40 % der
über 40-jährigen
aus. Auch bei Lehrern,
Anwälten und
in Pflegeberufen
wird eine hohe Rate
beobachtet. Nach
aktuellen Schätzungen sollen gegenwärtig
etwa 4 Millionen Deutsche Zeichen
dieses Überlastungs- und Schwächezustandes
haben. Nach Angaben
der Krankenkassen stellen die Burnouttypischen
Symptome, wie Depression,
psychische Störungen, psychosomatische
Erkrankungszeichen und Anpassungsstörungen
inzwischen die häufigste
Krankschreibungsursache (AOK:
22,5 Tage/Jahr) dar. Der entstehende
volkswirtschaftliche Schaden durch
Arbeitsausfall, verminderte Leistungsfähigkeit
und Totalausfall geht jährlich
in die Milliarden.

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Zeit für etwas Neues – Pat Christ

Zum Jahresende verlässt Vorstandsfrau Sylke Schröder die EthikBank –
Verglichen mit der Deutschen Bank,
die eine Bilanzsumme von 2,2 Billionen
Euro ausweisen kann, ist die
EthikBank klein: Hier liegt die Bilanzsumme
bei unter 300 Millionen Euro.
Doch innerhalb des alternativen Bankensektors
hat sich die EthikBank einen
Namen gemacht. „Wir kommen in
der Wahrnehmung der Menschen heute
direkt hinter der GLS-Bank“, sagt
Sylke Schröder. Die Mitbegründerin
der EthikBank gehörte bisher dem
Vorstand an. Zum Jahresende will sie
die Bank verlassen.
Was nicht an einer sich womöglich
geänderten Unternehmensphilosophie
und auch
nicht an Clinch mit Kollegen liegt. Sylke
Schröder steht heute noch genauso
wie bei der Gründung vor zwölf Jahren
zu „ihrer“ Bank. 2002 wurde sie von
ihr und Klaus Euler als Zweigniederlassung
der Volksbank Eisenberg eG
gegründet.
Die Konstruktion bietet bis heute eine
besondere Sicherung der Kundengelder:
Zum gesetzlichen Einlagenschutz
kommt der Schutz durch die Sicherungseinrichtung
des Bundesverbandes
der Volksbanken und Raiffeisenbanken.
Besonders bei der EthikBank
ist aber auch, dass es seit 2005 eigene
MikroKonten für Insolvenzschuldner
gibt. Seit 2009 vergibt die EthikBank
eigene ÖkoBaukredite.
Banken haben einen schlechten Ruf,
weil immer wieder aufkommt, wie sie
tricksen. Sie nutzen jedes Schlupfloch
im Steuersystem aus, locken Anleger
in hochriskante Unternehmensbeteiligungen
und verschweigen versteckte
Kosten. Sich in diesem Haifischbecken
zu behaupten, ist eine gewaltige Herausforderung.
Sylke Schröder hat diese
Herausforderung mit ihren Kollegen
gemeistert. Darum hängt sie an „ihrer“
Bank. „Doch ich bin auch noch jung
genug, um etwas Neues anzufangen“,
meint die 48-Jährige. Erleichtert wurde
ihre Entscheidung, zu gehen, dadurch,
dass sie die Bank bei Klaus Euler und
Thomas Zahn in guten Händen weiß.
Auszeit auf dem Jakobsweg
Außerdem verlässt sie die EthikBank
in einer prosperierenden Phase. Auch
das macht den Ausstieg einfacher. Wie
es nach ihrem Abschied weitergehen
wird, steht noch nicht fest: „Ich werde
mir erst einmal für drei Monate eine Auszeit
nehmen.“ In dieser Zeit möchte Sylke
Schröder den Jakobsweg entlang von
Frankreich bis Santiago de Compostela
wandern. Und sich dabei überlegen,
was sie in Zukunft tun möchte. „Es gibt
unterschiedliche Optionen, die ich derzeit
sondiere“, sagt sie. Gern würde sie
etwas Kreatives machen: „Ich habe da
schon lange eine Geschäftsidee, die es
so noch nicht gibt. Die würde ich gerne
ausprobieren.“

Ei Wei 0

Die Oligarchen kommen – Günther Moewes

2004 habe ich in meinem Buch „Geld oder Leben“ zweierlei darzustellen versucht: Wie und warum ein Finanzcrash unausweichlich war und weiter ist. Und warum der Spätkapitalismus ebenso
unausweichlich in eine Plutokratie, eine Oligarchenherrschaft münden muss, und diese wiederum in die Mafia. Damals wurde das als Schwarzmalerei und „Kulturpessimismus“ belächelt
oder ignoriert. Inzwischen hat die Realität meine Voraussagen weit überholt. Inzwischen besitzen die weltweit 85 reichsten Oligarchen so viel wie die halbe Menschheit und 1 % der Menschheit
(70 Mio.) besitzt die Hälfte des Weltvermögens. Sogenannte „OECD-Experten“ glauben zwar, in Deutschland seien die Verhältnisse günstiger, weil die einkommensstärksten 10 % der Bevölkerung
nur 6,7 mal so viel verdienen wie die einkommensschwächsten 10 % (OECD-Durchschnitt 9,5 mal so viel).

Aber das ist aus zwei Gründen falsch: Erstens wird die Ungleichverteilung nicht von den Einkommen bestimmt, sondern von den Vermögen. Und zweitens spielt sich die Ungleichverteilung
nicht zwischen den oberen und unteren 10 Prozent ab, sondern zwischen den obersten 1 Promille der Oligarchen und den übrigen 99,9 % der Bevölkerung. Die Vermögen dieser 1 Promille
haben sich seit etwa 1980 real verdoppelt. Und der US-Verteilungsforscher Paul Krugman schätzt, dass in den USA bereits ein Drittel der 50 größten Vermögen nicht erarbeitet, sondern
ererbt wurde und das zweite Drittel in den nächsten 20 Jahren vererbt werden wird.[New York Times, 4. 4. 2014] Ausführlich wurde die weltweite Ungleichverteilung von mir in der Ausgabe 2-2014 der „Humanen Wirtschaft“
dargestellt. Am gleichen Tag, als diese Ausgabe erschien, wurde auch die neueste Vermögensuntersuchung des DIW veröffentlicht. Sie zeigt, dass meine Zahlen über Armut und Reichtum noch
zu niedrig gegriffen waren. Inzwischen beschränken sich die Oligarchen nicht mehr darauf, im Geheimen auf den Finanzmärkten zu operieren und ihre meist leistungslos erwirtschafteten
privaten Milliarden diskret zu genießen. Sie beschränken sich auch nicht mehr darauf, ihre Direktiven in Davos, auf der Münchner Sicherheitskonferenz, über Troikas, Stiftungen und Thinktanks unmissverständlich
an die Politik weiterzugeben. Oder in Caracas, Bangkok Kairo, Tunis oder Kiew die angeblichen Mittelschichtrevolten gegen gewählte Regierungen anzuzetteln. Mehr und
mehr steigen die Oligarchen, wie in den USA, Italien, Österreich oder jetzt in der Ukraine und der Slowakei ganz persönlich in die Politik ein. In Saudi-Arabien, den Emiraten und Brunei war
das ja schon immer so. Die West-Oligarchen und ihre Hausmedien versuchen auch, die Ost-Oligarchen (oder, wie DER SPIEGEL schrieb: „die russische Finanzelite“) gegen den „unbequemen Putin“
aufzuwiegeln, offensichtlich koordiniert, wie das plötzliche, zeitgleiche Auftauchen neuer Begriffsbildungen zeigt („Russlandversteher“, „Putinversteher“). Westliche Medien beschränken
den Begriff „Oligarchen“ auch gern auf Ostmilliardäre. Nachdem diese in der Ukraine ungewählt als „kommissarische“ Provinzfürsten eingesetzt wurden, machte ihnen der deutsche Außenminister flugs seine Aufwartung.

(c) Martin Bangemann 0

Wären Sie gerne reich, wenn Sie tot sind? – Editorial

Der weltweite Wirtschaftsleistungsmotor läuft heiß und heißer. Das Ziel lautet Wohlstand. Dafür scheint „Reichtum“ unentbehrlich zu sein. Diesem Ziel bringen wir Opfer.
Die Umwelt zum Beispiel. Oder die persönliche Gesundheit. Wir brennen uns aus, denn das Bestreben steht über allem: Wohlstand. Reichsein. Dabei sind wir längst so reich wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte.
Gleichzeitig müssen wir uns aber mit zunehmenden Armutsproblemen befassen. Mauern mit Stacheldraht umgeben die Paläste der Milliardäre. In gepanzerten Fahrzeugen werden ihre Kinder, in Städten wie São
Paulo, vorbei an den Blechhütten der Slums zur Schule gefahren. Auch in den wirtschaftlich leistungsfähigsten Ländern der Erde prallen unbegreifliche Gegensätze aufeinander.
Dabei erkennt man immer das identische Muster: protziger Luxus und beklagenswerte Bedürftigkeit zur selben Zeit am gleichen Ort. Reichtum ist auf tragische Weise ungleich verteilt. Warum ist das so?
Raymond Firth schrieb 1959 in seinen Studien zur Ökonomie der neuseeländischen Maori: „In den Wäldern von Neuseeland wie in den Savannen im Sudan, überall ist eines Realität: Familien, die Hunger erleiden müssen
oder denen es an Lebensnotwendigem fehlt, sind in einem Dorf unmöglich, in dem es Familien gibt, die üppig versorgt sind.“ Da drängt sich die Frage auf: Mit welchem Recht bezeichnen wir Naturvölker als „primitiv“?
„Reichtum und Armut gehören nicht in einen geordneten Staat“ erkannte der 1930 verstorbene Reformer Silvio Gesell im Laufe von Studien, die in sein Hauptwerk „Die Natürliche Wirtschaftsordnung“ mündeten.
Der Franzose Thomas Piketty ist 42 Jahre alt und gegenwärtig Wirtschaftsprofessor an der „Paris School of Economics“. Dieser Tage ist die englische Übersetzung seines Buches „Capital in the 21st century“ (Kapital im 21.
Jahrhundert) erschienen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman aus den USA bezeichnet das Werk als eines, das die Art wie wir über Gesellschaft und Wirtschaft denken, grundlegend verändern werde.
Piketty untersuchte die Wirtschaftswachstumsprozesse über einen langen Zeitraum und glich die Ergebnisse mit der Entwicklung der Verteilung der Geldvermögen ab. Dabei stellte er fest, dass die Geldvermögen stets schneller
wuchsen, als die Wirtschaftsleistung. Bis zum Vorabend des 1. Weltkriegs war demnach das Kapital in Europa auf das 6- bis 7-fache der gesamten Wirtschaftsleistung eines Jahres angewachsen. Eine Situation, die mit der heutigen
vergleichbar ist. Die wissenschaftliche Erkenntnis, die sich daraus ableitet, lautet: Wachsende Geldvermögen gehen grundsätzlich einher mit zunehmender Ungleichverteilung. Die Autoren der HUMANEN WIRTSCHAFT, allen voran Helmut
Creutz und der in der vorliegenden Ausgabe schreibende Günther Moewes, bestätigen in mittlerweile Jahrzehnte anhaltender Arbeit Pikettys jetzige Forschungsergebnisse. Der zu erwartende Erfolg des Wirtschaftswissenschaftlers
aus Paris wäre auch einer der akribisch im Hintergrund forschenden „freien Geister“, die sich – teilweise ein Leben lang – für die grundlegende Erneuerung des Geldsystems und des Bodenrechts einsetzen. Schließlich kamen
sie zu gleichen Ergebnissen, nur ohne die Unterstützung eines Wissenschaftsbetriebs. Thomas Piketty scheint der richtige Mann zum passenden Zeitpunkt zu sein. Das „Handelsblatt“ traut ihm
zu, er werde „Epoche machen“ und der englische „Guardian“ meint, er versenke „rigoros alles, was Kapitalisten über die Ethik des Geldmachens denken“. Er kann es demnach schaffen, auf höchster Ebene Bewegung in die
vermutlich zentralste Aufgabe der Neuzeit zu bringen: die Erforschung des Geldsystems und dessen Folgen. Können wir eine Katastrophe, wie sie sich vor 100 Jahren schon einmal anbahnte noch abwenden?
Wenn die Raten des Geldvermögenswachstums dauerhaft über jenen des Wirtschaftswachstums liegen „neigt die Vergangenheit dazu, die Zukunft zu verschlingen“, konstatiert Piketty. Das Schicksal unserer Gesellschaft
ist geprägt von der Dominanz ererbten Geldvermögens. Wer tot ist, den hat die Vergänglichkeit des Lebens eingeholt. Die Ansprüche der Geldvermögen von Toten wachsen generationenübergreifend weiter. Thomas Piketty
empfiehlt eine weltweit organisierte Vermögenssteuer gegen die Reichtumskonzentration. Das dürfte ein hinreichendes Instrument für den erforderlichen schnellen Eingriff darstellen. Löst man damit das ursächliche Problem
auf Dauer? Wenn Geldvermögen (Kapital) sich infolge Zins und Zinseszins von selbst vermehren und wachsende Ansprüche an zukünftige Leistungen von Menschen stellen, dann kann das Abschöpfen infolge leistungsloser Einkommen
entstandenen Kapitals nur der erste Schritt sein. Warum sollten wir dabei stehen bleiben und nur versuchen, die Ergebnisse eines ungerechten und fehlerhaften Systems wieder zu verteilen, anstatt nicht direkt derlei Erträge
durch Systemänderungen zu verhindern? Viele freie Geister und Verfechter einer humanen Wirtschaft befassen sich mit den Ursachen der Ungleichverteilung. Sie erarbeiten dabei auch Lösungsvorschläge.
Alles deutet darauf hin, dass die Wirtschaftswissenschaften nachziehen können.

Herzlich grüßt Ihr Andreas Bangemann

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Leserbriefe 02/2014

Ihre Meinung ist uns wichtig! Senden Sie uns Ihre Fragen, Anregungen oder persönlichen Meinungen. Wir bemühen uns, so viele Leserbriefe unterzubringen, wie möglich. Wenn wir Leserbriefe kürzen, dann so, dass das Anliegen der Schreibenden gewahrt bleibt. Leserbriefe geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

Zum Artikel „Geht es auch ohne Geld?“ — Da wird meiner Meinung nach kräftig übers Ziel hinausgeschossen.
Ich sehe das pragmatischer. Sicher ist der Mensch Teil der Natur,
was bedeutet, dass er morgens wenn er aufgestanden ist, Hunger
hat und sich aufmachen muss (etwa arbeiten gehen?) um was
Essbares zu finden. In der heutigen Zeit der arbeitsteiligen Gesellschaft
(finde ich gar nicht so schlecht) gehe ich um die Ecke zu meinem
Bäcker. Was aber wenn der Bäcker keine Lust hat und heute
lieber faul sein möchte? Und die Kassiererin bei ALDI auch, dann
habe ich ein Problem. Geld an sich ist eine gute Erfindung, es darf
sich nur nicht von alleine vermehren, es soll nur Tauschmittel sein…

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Papst Franziskus – Wegbereiter für die Überwindung der Dominanz des Ökonomischen? – Christoph Rinneberg

Seit dem 24. November 2013 geht ein
Text um die Welt, den wohl kirchennahe
und erst recht kirchenferne Menschen
der katholischen Kirche kaum zugetraut
haben. Es ist das erste „Apostolische
Schreiben“ des neuen Papstes in Rom,
der als erster sich durch seine Namensgebung
mit Franziskus von Assisi verbindet.
Vor rund 800 Jahren hat dieser
Francesco („kleiner Franzose“), wie ihn
seine Eltern liebevoll nannten, durch
sein radikales „Verlassen der Welt“
sein neues Verständnis von „Gott und
Mensch“ wieder in diese Welt gebracht
und durch sein Leben beglaubigt. Wegen
seiner Glaubwürdigkeit hatten
manche seiner Zeitgenossen in ihm gar
einen zweiten Christus gesehen.
Mit den Worten „Die Freude des
Evangeliums sei immer in euren
Herzen“ lädt Papst Franziskus
alle „christgläubigen“ Menschen
ein, sich auf „Evangelii Gaudium“, die
Freude des Evangeliums einzulassen
– und könnte damit kaum protestantischer
sein. Evangelium – übersetzt:
frohe Botschaft – ist zum Begriff für
eine Überwindung der Existenzängste,
für eine Befreiung von TINA-diktierten
– „There Is No Alternative“ – sog. Sachzwängen
geworden. Der neue Papst
hat im Grunde von den ersten Minuten
an in seinem Amt durch ebenso überraschende
wie glaubwürdige Gesten
dafür gesorgt, dass seine Worte kaum
Barrieren zu überwinden haben, um
auch bei Menschen anzukommen, die
sich nicht als „christgläubig“ verstehen.
Damit hat der Papst kein Wunder
vollbracht, er hat sich „nur“ voll und
ganz – in Dietrich Bonhoeffers Sinne –
der Diesseitigkeit dieser Welt und der
Aufgabe der christlichen Kirchen in dieser
Welt gestellt: Leben geht vor Lehre,
könnte man seine so überraschend
neu klingende Botschaft auf den Punkt
bringen.
In dieser Betrachtung der umfangreichen
– in 288 Absätze gegliederten
und mit 217 Literaturverweisen versehenen
– päpstlichen Botschaft soll es
in erster Linie um die Abschnitte 52 bis
60 gehen, in denen „Einige Herausforderungen
der Welt von heute“ thematisiert
werden. Diesen rund 3 Seiten Text
kann man unschwer eine der ärztlichen
Professionalität entliehene Gliederung
nach Symptom, Anamnese, Diagnose
und Therapie unterlegen:
Zu den Symptomen erfahren wir:
„Die Menschheit erlebt im Moment eine
historische Wende, die wir an den Fortschritten
ablesen können, die auf verschiedenen
Gebieten gemacht werden.
Lobenswert sind die Erfolge, die zum
Wohl der Menschen beitragen, zum Beispiel
im Bereich der Gesundheit, der Erziehung
und der Kommunikation. Wir
dürfen jedoch nicht vergessen, dass der
größte Teil der Männer und Frauen unserer
Zeit in täglicher Unsicherheit lebt,
mit unheilvollen Konsequenzen. Einige
Pathologien nehmen zu. Angst und Verzweiflung
ergreifen das Herz vieler Menschen,
sogar in den sogenannten reichen
Ländern. Häufig erlischt die Lebensfreude,
nehmen Respektlosigkeit und Gewalt
zu, die soziale Ungleichheit tritt immer
klarer zutage. Man muss kämpfen, um
zu leben – und oft wenig würdevoll zu leben….“
(52)
Ergänzend hierzu wird in den folgenden
Absätzen u. a. der Hunger in der Welt,
das Wegwerfen von Lebensmitteln, die
Spekulation mit Nahrungsmitteln, die
Zunahme des Reichtums Weniger und
der Verarmung Vieler, die ökonomische
Ausbeutung und die soziale Unterdrückung
angeführt.
Die Anamnese ist nicht weniger deutlich:
„Dieser epochale Wandel ist verursacht
worden durch die enormen Sprünge, die
in Bezug auf Qualität, Quantität, Schnelligkeit
und Häufung im wissenschaftlichen
Fortschritt sowie in den technologischen
Neuerungen und ihren prompten
Anwendungen in verschiedenen Bereichen
der Natur und des Lebens zu verzeichnen
sind. Wir befinden uns im Zeitalter
des Wissens und der Information,
einer Quelle neuer Formen einer sehr oft
anonymen Macht.“ (52)
Weiter lesen wir:
Das herrschende „Ungleichgewicht geht
auf Ideologien zurück, die die absolute
Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation
verteidigen. Darum bestreiten
sie das Kontrollrecht der Staaten, die
beauftragt sind, über den Schutz des Gemeinwohls
zu wachen. …“(56)
Die Diagnose bietet für jedermann nachvollziehbare
Erklärungen:
Die unübersehbare, zunehmende soziale
Ungleichheit hat sich nicht einfach so
ergeben:
„… Heute spielt sich alles nach den Kriterien
der Konkurrenzfähigkeit und nach
dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der
Mächtigere den Schwächeren zunichte
macht. Als Folge dieser Situation sehen
sich große Massen der Bevölkerung ausgeschlossen
und an den Rand gedrängt:
Ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg.
Der Mensch an sich wird wie ein
Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen
und dann wegwerfen kann. Wir haben
die ‚Wegwerfkultur‘ eingeführt, die
sogar gefördert wird. Es geht nicht mehr
einfach um das Phänomen der Ausbeutung
und der Unterdrückung, sondern
um etwas Neues: Mit der Ausschließung
ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft,
in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen,
denn durch sie befindet man sich nicht in
der Unterschicht, am Rande oder gehört
zu den Machtlosen, sondern man steht
draußen. Die Ausgeschlossenen sind
nicht ‚Ausgebeutete‘, sondern Müll, ‚Abfall‘.“
(53)
Die „Trickle-Down-Theorie“ geht davon
aus, „dass jedes vom freien Markt begünstigte
Wirtschaftswachstum von sich
aus eine größere Gleichheit und soziale
Einbindung in der Welt hervorzurufen vermag.
Diese Ansicht, die nie von den Fakten
bestätigt wurde, drückt ein undifferenziertes,
naives Vertrauen auf die Güte
derer aus, die die wirtschaftliche Macht in
Händen halten, wie auch auf die vergötterten
Mechanismen des herrschenden
Wirtschaftssystems. … Um einen Lebensstil
vertreten zu können, der die anderen
ausschließt, … hat sich eine Globalisierung
der Gleichgültigkeit entwickelt. Fast
ohne es zu merken, werden wir unfähig,
Mitleid zu empfinden gegenüber dem
schmerzvollen Aufschrei der anderen, wir weinen nicht mehr angesichts des Dramas
der anderen, noch sind wir daran
interessiert, uns um sie zu kümmern, als
sei all das eine uns fern liegende Verantwortung,
die uns nichts angeht. Die Kultur
des Wohlstands betäubt uns….“ (54)
Ein Grund für die in (54) geschilderte Situation
„… liegt in der Beziehung, die wir
zum Geld hergestellt haben, denn friedlich
akzeptieren wir seine Vorherrschaft
über uns und über unsere Gesellschaften.
Die Finanzkrise, die wir durchmachen,
lässt uns vergessen, dass an ihrem
Ursprung eine tiefe anthropologische Krise
steht: die Leugnung des Vorrangs des
Menschen! Wir haben neue Götzen geschaffen.
Die Anbetung des antiken goldenen
Kalbs (vgl. Ex. 32, 1-35) hat eine
neue und erbarmungslose Form gefunden
im Fetischismus des Geldes und in
der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht
und ohne ein wirklich menschliches
Ziel. Die weltweite Krise, die das Finanzwesen
und die Wirtschaft erfasst, macht
ihre Unausgeglichenheiten und vor allem
den schweren Mangel an einer anthropologischen
Orientierung deutlich – ein
Mangel, der den Menschen auf nur eines
seiner Bedürfnisse reduziert: Auf den
Konsum.“ (55)

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Kant nennt es „Unrecht“ – Thomas Mohrs

Warum die Geheimverhandlungen über das Handelsabkommen TTIP ein Kulturbruch sind und warum die Philosophie Einspruch erhebt.

Wie hieß das doch beim alten Kant:
„Alle auf das Recht anderer Menschen
bezogene Handlungen, deren Maxime
sich nicht mit der Publicität verträgt,
sind Unrecht.“ Übersetzt: Jegliche
politische Maßnahme, die vor
ihrer Implementierung das Licht der
Öffentlichkeit scheuen muss, ist per
definitionem Unrecht. 1795 hat Immanuel
Kant das geschrieben, in seinem
„Ewigen Frieden“, einer der ersten
echten Globalisierungs-Theorien. Und
irgendwie ist noch immer was dran an
dieser „Publizitäts“-These.
Nehmen wir zum Beispiel diese
„Transatlantic Trade and Investment
Partnership“ (TTIP), das
größte „Freihandelsabkommen“ aller
Zeiten, das gerade zwischen der EU und
Nordamerika ausgehandelt wird. Nein:
Nennen wir das Kind beim Namen:
das gerade übern großen Teich hinweg
in Brüssel und Washington ausgemauschelt
wird. Unter Ausschluss
der Öffentlichkeit, geheim, hinter verschlossenen
Türen. Abgeschirmt von
Vertretern demokratisch gewählter
Parlamente und erst recht von NGOs
und Verbraucher- und Konsumentenschutzverbänden.
Denn die könnten den versammelten
Lobbyisten der globalen Konzerne
und Investoren womöglich in die Suppe
spucken – in die Hühnersuppe gewissermaßen.
Denn: Wenn das funktioniert
mit der TTIP (bzw. der TAFTA:
Transatlantic Free Trade Area), dann
können sich beispielsweise amerikanische
Fleischkonzerne mit ihren
Chlorhühnern, die derzeit in Europa
aufgrund der strengeren Hygiene-
Standards verboten sind, in den europäischen
Markt einklagen. Einfach
so, weil diese „überzogenen“ europäischen
Standards ein Chlorhuhn-Investitionshemmnis
darstellen und damit
zukünftige mögliche Gewinne der Konzerne
gefährden.
Und wenn ein europäischer Staat sich
weigern sollte? Dann entscheidet nicht
die nationale oder die europäische Gerichtsbarkeit,
sondern im Rahmen des
Freihandelsabkommens organisierte
Tribunale, beschickt von internationalen
Anwaltskanzleien, deren Vertreter
heute Kläger, morgen Verteidiger,
übermorgen Richter sind. Und wenn
das von der Weltbank (!) beaufsichtigte
Tribunal entscheidet, dass der renitente
Staat die „erwarteten künftigen
Profite“ des Konzerns XY „unrechtmäßig“
gefährdet, dann ist dieser Staat
gezwungen, seinen Markt für das
strittige Produkt – ob Chlorhuhn, Hormonfleisch,
genverändertes Saatgut,
„großzügig“ geprüfte Pharmaprodukte,
Benzin mit toxischen Zusatzstoffen
or whatever – zu öffnen. Oder millionenschwere
Entschädigungen zu zahlen.
Aus Steuergeldern, versteht sich.
Ein Witz zur Faschingszeit? Schön
wär’s, wenn auch nur bedingt lustig.
Nein, es ist kein Witz und lustig
schon gar nicht: Was mit dem TTIP auf
uns zukommt, ist – wie es „Le Monde
diplomatique“ formuliert – ein
„Staatsstreich in Zeitlupe“, die klammheimliche
Installation einer „Wirtschafts-
NATO“, deren Befugnisse
buchstäblich grenzen-los sind. Es ist ein Kultur-Bruch von fundamentalem
Ausmaß: die totale Unterwerfung
des Primats der Politik unter das
Primat der Wirtschaft.
Daher ist es nötig, das Monstrum TTIP
als „auf das Recht anderer Menschen
bezogene Handlung“ ins Licht der Öffentlichkeit
zu stellen, um zu zeigen,
was es ist: Unrecht!

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Vision oder Privatvergnügen? – Pat Christ

Leben ohne Geld und möglichst ohne Bedürfnisse wird zum neuen Nischenlifestyle.

Er wollte nicht länger um das Goldene
Kalb tanzen. Darum entschied sich
Raphael Fellmer vor drei Jahren, in
„Geldstreik“ zu treten. Seither macht
er damit Furore. Wobei er keineswegs
der einzige ist, der sich (vorübergehende?)
„Geldlosigkeit“ zum Ideal
erkoren hat. Heidemarie Schwermer
entschied sich bereits 1996, ohne
Geld zu leben. Mark Boyle gab immerhin
ein Jahr lang den Konsumverweigerer.
Auch die Vagabundenbloggerin
Michelle stieg für ein Jahr aus und lebte
ohne Heller und Pfennig.
Einmal ausscheren – wer wünschte
sich das nicht. Dazu hat auch
jeder das Recht. Interessant sind
die Missionen, die hinter dem jeweiligen
Ausstieg stecken. So hat Raphael
Fellmer mit seiner Aktion die „Lage
der Welt“ und die ganze Menschheit im
Blick. Darunter macht er es nicht. „Mein
Geldstreik ist sehr breit angelegt“,
meint er im Gespräch mit der HUMANEN
WIRTSCHAFT. Er ist gegen den Kapitalismus.
Gegen die Verschwendung.
Gegen die Ausbeutung von Tieren. Gegen
die Umweltverschmutzung. Als ein
„Ausrufe- und ein Fragezeichen“, sagt
er uns, sehe er seinen Streik.
Fellmer trampte längere Zeit und kam
dadurch auf den Geschmack der Freiheit
und zu seiner Lebensphilosophie.
Man lerne die Dinge mehr zu schätzen,
wenn man sie nicht einfach kaufen kann,
meint er. „Wenn zum Beispiel beim Trampen
endlich ein Auto hält, freut man sich
viel mehr, als wenn man einfach in den
nächsten Bus steigt und 2,50 Euro zahlt“,
so der 30-Jährige. Das leuchtet ein.
Und es erinnert an „On The Road“, die
Bibel der Beat-Generation. Auch hier
nehmen sich junge Menschen eine
Freiheit, die ihnen die Gesellschaft
freiwillig nicht gibt. Aber dieses Buch
kennt Fellmer nicht. „Ich bin nicht sehr
belesen“, gibt er zu. Und das ist spürbar.
Überhaupt hat es Fellmer nicht mit
Theorien und Philosophien.
Einfach gestricktes Weltbild
Sein einfach gestricktes Weltbild weist
ihn denn auch nicht gerade als Feingeist
aus. Da gibt es die wenig anspruchsvollen
Kategorien „Ja“ beziehungsweise
„gut“ und „Nein“ beziehungsweise
„schlecht“. Raphael Fellmer ist gegen
alles, was nicht gut ist: Den millionenfachen
Hunger in der Welt, das „Killen“
von Tieren, die Zerstörung der Natur.
Und er ist für alles, was gut ist. Die Liebe.
Die Menschheit. Und dergleichen.
Dass er auf alles eine Antwort parat hat,
wirkt ein wenig oberschlau. Oberfriedlich
und oberökologisch ist er sowieso.
Nur mit Details, stets die Krux an jeder
Problematik, hält er sich nicht lange
auf. Irgendwie scheint es für ihn nichts
tiefer zu verstehen zu geben… Das ist
entwaffnend. Dafür mögen ihn viele. Ist
doch die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen
und einfachen Lösungen in
unserer hochkomplexen Welt groß. Und
wer möchte Kämpfer für das Gute nicht
gern unterstützen?
Seine Habe musste er vor seinem Freiheitssprung
übrigens nicht in einem Depot
unterbringen. Fellmer hat ein Dach
überm Kopf. Bis Ende vergangenen
Jahres lebte er mit seiner Frau und der
zweijährigen Tochter Alma umsonst im
Friedenshaus von Berlin. Zu Jahresbeginn
zog er um. Eine Familie nahm die
drei auf: „Wir haben dort ein Zimmer in
einer Fünf-Zimmer-Wohnung.“ Zu eng?
Aber Fellmer ist ja ohnehin dauernd
unterwegs. Vor allem seit sein Buch erschienen
ist. Daran verdient er im Übrigen
nicht, betont er uns gegenüber. Als E-Book sind die Seiten kostenlos herunterzuladen.
Von der Auflage wird ein
Drittel verschenkt. Der Rest fließt zur
Kostendeckung an den Verlag.
Den Ausschlag für die Entscheidung,
geldlos zu leben, gab eine Tramptour
mit Freunden nach Mexiko. „Er hatte
kein Geld, kam aber trotzdem immer
weiter“, schreibt Birgit Baumann über
ihn im „Standard“. „Über den Atlantik
nahmen ihn Italiener mit dem Segelboot
mit, in Brasilien saß er hinten auf alten
Lastwagen. Er schlief bei der Feuerwehr
und in Schulen, von Restaurants nahm
er sich, was ohnehin übrig war. Im Gegenzug
bot er seine Arbeitskraft an.“
Wer hätte auf solche Sensationen in der
großen weiten Welt in jungen Jahren
keine Lust? Die meisten jungen Abenteurer
allerdings lassen es bei einem
einmaligen Erlebnis bewenden. Nicht
so Raphael Fellmer. Er beschloss nach
seiner Rückkehr, fortan auch in Berlin
geldlos zu leben.